Zu Ehren unserer Vorfahren

Mit dem September Vollmond beginnt hier in Indien das alljährliche 15-tägige Festival „Shradh“. Diese Zeit wird den Ahnen gewidmet. Mit speziellen Gebeten, Offerten und Zeremonien bitten Familienangehörige, dass die Jenseitigen in Frieden ruhen und ihren guten Platz im Himmel finden mögen. Man erinnert, dankt und ehrt die Vorfahren. Gleichzeitig bittet man sie um Segnung und Schutz. 

Ganga Rishikesh

Während sich die Feiern in Indien über mehr als zwei Wochen erstrecken, gedenken die evangelischen und katholischen Kirchen der Toten an einem Tag: Totensonntag (evangelisch) und Allerseelen (katholisch). Allerseelen feiert die römisch-katholische Kirche nach Allerheiligen und der Totensonntag ist der letzte Sonntag vor dem ersten Adventssonntag und damit der letzte Sonntag des Kirchenjahres.

In den USA und vielen Ländern Europas wird am Vorabend von Allerheiligen Halloween gefeiert. Das Wort Halloween leitet sich aus dem englischen All Hallows Eve ab und benennt die Volksbräuche am Abend und in der Nacht vor dem Hochfest Allerheiligen. Vor allem im katholischen Irland verbreitet und dann in den Staaten etabliert, nimmt dieser Brauch Bezug zu heidnischen und keltischen Traditionen wie dem Samhainfest (zu Ehren des Totengottes Samhain). Gemäß der alten keltischen Bräuche wurde an Halloween das Sommerende und der Einzug des Viehs in die Ställe gefeiert. In dieser Zeit, so glaubte man, seien auch die Seelen der Toten zu ihren Heimen zurückgekehrt. Laut der Encyclopædia Britannica ging mit diesen Feiern auch Freudenfeuer (engl. bonfires: wörtlich Knochenfeuer, bone-fire, mit Bezugnahme auf das Verbrennen von Knochen des Schlachtviehs) und manchmal Verkleidungen, die der Vertreibung böser Geister dienten, einher.

Nun, nach Hindu Tradition wird in den meisten Familien der Punditji (Familien-Priester) gerufen und basierend auf dem Todestag der nahen Familienangehörigen, wird das Datum für das Shradh Ritual berechnet. Der Pundit leitet den Prozess und vertritt gewissermassen die Verstorbenen d.h. ihm werden (selbstgekochte) Speisen, Kleidung, Süssigkeiten und Dakshina (Spende) überreicht. Auch werden laut Hindu Mythologie einer Kuh, einem Vogel (Rabe), einem Hund und Fischen die Speisen angeboten, da sie Boten von Yama, dem Gott, welcher die Ebene der Toten zwischen Erde und Himmel (= Pitru Loka) verwaltet und den Toten von der Erde in diese Ebene verhilft, sind.

Gemäß der heiligen Schrift Bhagavad Gita, ist der menschliche Körper zerstörbar, während die Seele „unzerstörbar“ / unsterblich bleibt. Die Seele wird weder geboren, noch stirbt sie, denn die Seele ist ewig existent. Kein Element vermag sie zu zerstören. Dennoch kann eine Seele, bei starker Anhaftung an Irdisches oder an bestimmte Menschen, auf dem Rückweg auf der Astralebene stecken bleiben – in den Veden ist von verschiedenen Lokas (höheren und niederen Welten) die Rede. 

Mir wurde erklärt, dass während Shrad, unsere Vorfahren (Pitras) in der Lage sind, sich ihren Nachkommen (uns) zu nähern. Wir stehen ihnen gegenüber in einer gewissen Schuld, da sie uns einen Körper haben zukommen lassen, durch den wir uns materiell, geistig und spirituell weiterentwickeln können. Diese Entwicklung ist den Verstorbenen in ihrer jetzigen Form nicht möglich, sofern sie in Anhaftungen und Begrenzungen aufgrund ihrer früheren karmischen Aktivitäten und somit in unteren Lokas (Weltenebenen) stecken. Zur Zeit von Sradh können wir diesen Vorfahren helfen – und sie geben uns ihren Segen.


Wie kann eine Person im Jenseits etwas  von „hier unten auf der Erde“ empfangen?

Die Pitris (verstorbenen Vorfahren) erhalten dort, was wir ihnen hier geben, weil wir etwas über eine höhere Intelligenz übertragen. Dies ist möglich, weil alles miteinander verbunden ist – aufgrund der Einheit und Omnipotenz des Universums. Unsere Gebete sind Ausdruck des Seelen-Bewusstseins und wirken entsprechend auf diesen Ebenen. Der subtile Körper erhält durch die Dynamik der Mantrashakti-Energie ein neues Momentum. Durch die Shradh Rituale wird der Mantel der Begierden und irdischen Anhaftenden rund um die feinstofflichen Körper des Verstorbenen reduziert

So wie es verschiedene Arten von Menschen gibt, existieren verschiedene Arten von Seelen, daher wird an verschiedenen Tagen mit verschiedenen Gebete unterschiedlicher Intensitäten gearbeitet. Die Menschen sind nicht alle auf der gleichen Stufe der Entwicklung. Beispielsweise haben wir Tier-Menschen – diejenigen, die einen menschlichen Körper aber tierische Qualitäten haben. Oder gewöhnliche Menschen, die nicht schlecht sind, aber auch nicht gut. Dann haben wir gute Menschen – sie sind tugendhaft. Gefolgt von den heiligen Menschen, die nicht nur gut sind, sondern die begonnen haben, das göttliche Bewusstsein zu entfalten. Und schließlich haben wir göttliche Menschen oder Gottmenschen. Diese verschiedenen Arten von Menschen erreichen unterschiedliche Lebensbedingungen und haben unterschiedliche Erfahrungen, wenn sie den physischen Körper verlassen. Natürlich haben jene, die selbstrealisiert sind, keinen Bedarf an unseren Gebete und Offerten – sie sind so erfahren und eigenmächtig, dass sie sich selbst helfen. Aber nicht alle sind Heilige und diejenigen, die nicht dieses Stadium erreicht haben, benötigen die Hilfe von anderen.

Vielleicht gut zu wissen, dass auch diejenigen, die ihren physischen Körper verlassen und bereits wieder einen anderen physischen Körper genommen haben, unsere Gebete erhalten. Unsere Grüße und Gebete erreichen diejenigen in Swarga-Loka („Himmel“ zwischen der Sonne und dem Polarstern) und Brahma-Loka oder Satya-Loka (höchste der himmlischen 14 Lokas, Ebene der Götter und hochentwickelten Seelen).

Heaven1

Im Christentum wird übrigens in diesem Zusammenhang vom Fegefeuer gesprochen (lateinisch: purgatorium = Reinigungsort). Es ist die Läuterung, die eine Seele nach dem Tod erfährt, sofern sie nicht als heilig unmittelbar in den Himmel aufgenommen wird. Nach meinem Verständnis geht es dabei nicht um eine Bestrafung der Seelen, sondern das Entlassen aus dem Zwischenzustand von Anhaftung und Schmerz in Richtung Himmel. Die neue Theologie spricht von Reinigungsgeschehen

„Wie ist es aber mit dem Menschen, der zwar guten Willens war, dessen Wille aber nicht − oder noch nicht genug − das Sein ergriffen hat? (…) Er steht auf Seiten der Wahrheit gegen sich selber. Er ist bereit, seinem eigenen Leben, all dem Versäumten, Halben, Wirren darin standzuhalten. In einem geheimnisvollen Leiden stellt das Herz sich der Reue zur Verfügung und überliefert sich so der heiligen Macht des Schöpfergeistes. Daraus wird das Versäumte neu geschenkt. Das Falsche wird in Ordnung gerückt. Das Böse umgelebt und ins Gute herübergebracht. Nicht äußerlich verbessernd, sondern so, daß alles durch das in der Reue wirkende Geheimnis der umschaffenden Gnade hindurchgeht und neu ersteht.“ Romano Guardini (1885-1968).

Fegefeuer ist sicher ein unglücklicher Begriff. Und ebenso Jüngstes GerichtMeiner Ansicht nach geht in diesen Prozessen darum, eine Seele darin zu unterstützen, den richtigen Pfad für den nächsten Schritt oder nächste Inkarnation zu wählen. Wurde im irdischen leben Karma angehäuft oder gab es eine reinigende Entwicklung? Hat die Seele etwas von der Existenz begriffen und lieferte einen positiven Beitrag während ihrer Präsenz auf der Erde? Muss die Seele nochmal auf der Erde inkarnieren, um zu lernen oder kann sie in den Himmelsebenen bleiben und dort ihre Reise zurück zu Gott/zur Quelle fortsetzen? In Michelangelos Werk Das Jüngste Gericht (1536–41) werden, vom Betrachter gesehen, links die Seligen dargestellt, die in den Himmel auffahren, und rechts die Verdammten, die zur Hölle herabstürzen, was ich als nochmalige Inkarnation in die schwerdimensionale „Schule Erde“ interpretiere.

Il_Giudizio_Universale


Süße Gerichte wie Reispudding, Porridge und gelber Kürbis gehören ebenso zu den Offerten, wie Ritual/Pooja-Zutaten: Blüten, Früchte, Gemüse, Sesam, Milch, Honig, Ghee, Ganga Jal, Reis, Dhal, Silber, Gold, Räucherwerk/Incense, Tulsi (heiliger Basilikum). Und nachdem den Vorfahren und dem Priester die Speisen angeboten wurden, isst der Rest der Familie. Die speziellen Gebete für die Ahnen sind notwendig, auch um Pitra Dosh loszuwerden (= schlechte Auswirkungen aufgrund der Nichterfüllung von Ritualen der verstorbenen Seelen). 

2nd shrad

Nach meinen Erfahrungen durch Hypnotherapie und mein eigenes Nahtoderlebnis würde ich das, was geschieht, wenn wir sterben bzw den Körper verlassen, so beschreiben: die feinstofflichen Körper – Kausal- und Astral-Körper – gehen zurück in das Universum. Tod bedeutet, dass der Kausalkörper und Astralkörper gehen und der physische Körper zurückbleibt. Zwischen Individuen können dabei energetische Verbindungen („Schnüre“) auf Astral- und Kausal-Ebene über viele Leben bleiben, wenn sie nicht geklärt werden…

Totenverehrung gibt es seit Ewigkeiten und ist kultur- und religionsübergreifend. Ob im zeitlosen Mysterienwissen der vedischen, altindischen Hochkultur, im tibetischen Buddhismus (Bardo Thodol), in der römischen Antike (siehe auch christlicher Märtyrerkult), in der Hochkultur der Azteken, der Ägypter oder in islamisch geprägten Regionen, dieser Prozess ist als heilend (für die Toten) und schützend (für die Lebenden) erkannt.

Ohh! departed souls and ancestors,
May your souls rest in peace.
These sixteen days of Shradh,
We pray for your blessings and kindly remove our sins.
We will make you happy by performing Tarpan and making Brahmin Bhoj.
Protect us and remove our Pitru Dosh.

Möge die Seele eines Jeden, den wir geliebt haben und der abgereist ist, in Licht und ewigem Frieden ruhen.

ॐ Atma Namaste ॐ

family tree

Bilder:  1) Sunrise at Ganga, Rishikesh: eigenes Fotoarchiv. 2) Heavenly realm: unknown source. 3) Il Giudizio Universale von Michelangelo Buonarotti, 1541, sixtinische Kapelle in Rom. 4) Shrad Offerings: eigenes Fotoarchiv. 5) Koshas: eigene Illustration. 6) Ahnentafel von Maria Justina und Johann Maximilian zum Jungen, 1634: Städtische Galerie Frankfurt am Main.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s