Deutschland: wach auf!

Als im Ausland lebende und mein Heimatland gerade besuchende Deutsche, wird eins immer deutlicher: Es braucht klare Ansagen. Fokussierung und eine klare Position der politischen Führungsriege in Deutschland. Und ein Aufwachen der Bürger. Eine Freundin fragte mich vor ein paar Wochen „Und Du? Wie nimmst Du es aus Indien heraus wahr?“ Nun, ich kann sagen, dass der Eindruck aus der Ferne, so wie der, den ich mittlerweile vor Ort in Deutschland gewonnen habe, gleich sind. Die Ungereimtheiten im politischen Umgang mit den Migrantenwellen und der deutschen Bevölkerung erscheinen endlos.

Es ist sicher richtig, Menschen in Not zu helfen. Eine unbeschränkte Aufnahme im Alleingang, ohne Gewährleistung von Resourcen, ohne klare Kommunikation und ohne eine holistische Betrachtung der kurz-, mittel- und langfristigen Implikationen (zum Schutz und Wohl der Migranten UND der eigenen Bevölkerung), ist es aber nicht.

Selbst wenn wir annehmen, die Integration der jetzigen Migranten wird „erfolgreich“ sein, wie geht es weiter, was ist mit den anderen, noch verbleibenden 58 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind?

Folgend 12 Denkanstösse. Aber vorab ein paar einleitende Betrachtungen: (dies ist ein längerer Artikel – vielleicht machst Du Dir dazu einen Tee!)

Während Merkels Bürgerdialog in Nürnberg fragte eine Frau: „Aber gibt’s denn einen Plan?“, einen Plan, wie die Integration dieser Menschenmengen gelingen solle? Merkel bittet um Nachsicht, dass die Politik vorerst noch andere Sorgen hat: Erst einmal müsse man den Flüchtlingsstrom ordnen, in geregelte Bahnen lenken, in Europa und zwischen Europa und der Türkei verteilen, „denn wir können nicht alle aufnehmen“. Gegen Ängste empfiehlt sie möglichst viele direkte Begegnungen, gegen die Sorge vor Überfremdung hält sie die Zahlenverhältnisse. „Ja, es sind sehr, sehr viele. Aber wir sind 80 Millionen. Wir können und werden diese Integration schaffen.“ Und gegen Sorgen vor steigender Kriminalität hält sie die Erkenntnis, dass es problematische Typen überall gibt, auch in Deutschland.

Also KEIN Plan. Hätte ein Senior Manager eines Unternehmens eine so lasche Führungshaltung, wäre es um die Mitarbeiter Motivation und die Zukunft der Firma aber schlecht bestellt (und um seine eigene Zukunft ebenso).

Auch wenn Deutschland zur Zeit möglicherweise sein Länderkarma ausgleicht, da es in der Vergangenheit viele Flüchtlingsströme verursacht hat, so kann es sich trotzdem, oder gerade deshalb, nun auch von Altem lösen und aufrichten. Denn es fällt auf, dass es ein sich wiederholendes Muster gibt, dass sich Deutschland mit abwechselnden Opfer- und Täterollen im Kreis dreht. Aktuellstes Beispiel: Erst werden fleissig Waffen gen Middle East verkauft, und nun kommen die von dort stammenden Menschenströme, weil es für sie aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen keine Lebensgrundlage mehr gibt. Die Archetypen Opfer/Täter durch eine Rolle auf höherer Ebene zu ersetzen – dem Wohltäter – ist eine Sache , dies aber soweit zu treiben, dass Deutschland in eine Märtyrer-Rolle gedrängt wird, ist wenig zweckmässig.

Ich höre immer mal wieder von Deutschen „Ich hoffe, dass die politischen Kräfte besonnen und klug agieren.“ Aber wie realistisch ist das? 

Um was es wirklich gerade geht ist diffus und nicht nachvollziehbar. Einfach alle „reinzulassen“ und dann mal zu „sehen was passiert“ zeugt nicht von einer Regierungsspitze, die Weitblick hat und die Komplexität der Situation versteht. Und wenn Merkel beispielsweise „möglichst viele direkte Begegnungen“ empfiehlt (unter der Annahme, dass genauere Kenntnis des Anderen zwangsläufig zu mehr Verständnis und zu einer Verminderung gegenseitiger Antipathie und Gewalt führe), braucht es eine Grundlage dafür. Zu den Grundlagen gehören ein Bezug zur Realität (Wie stellt sich Frau Merkel bspw. das „sich direkt begegnen“ deutscher Frauen mit den überwiegend männlichen Einwanderern aus gänzlich anderen Kulturkreisen vor?), unmissverständliche Kommunikation (Regierung > Migranten) und konkrete Unterstützung von Staatsseite (Regierung > Bürger).

Mag ich in Deutschland mehr Input bekommen haben, so bleiben trotz aller Informationsflut und Meinungsverteilung zum Beispiel diese grundlegenden Fragen unbeantwortet:

  1. Warum setzt die internationale Gemeinschaft Länder wie Saudi Arabien, Qatar und Kuweit nicht unter Druck, damit diese ihre Pflicht erfüllen und Flüchtlinge aufnehmen, schliesslich sind es Vertriebene des eigenen Glaubens- und Kulturkreises?
  2. Warum werden die Fluchtbewegungen diskutiert, aber nicht die Fluchtursachen beseitigt und Voraussetzungen für eine friedliche Rückkehr in die Heimatländer geschaffen?
  3. Warum gibt es nicht schon lange eine grossangelegte, mehrsprachige Aufklärungskampagne über Youtube, TV und alle Zeitungen, um die Basics für ein interkulturelles Verständnis zwischen Deutschen und Neuankömmlingen zu vermitteln und grob verletztendes Fehlverhalten zu vermeiden?
  4. Warum werden uns die Migranten als syrische Flüchtlinge erklärt, wenn die Syrer aber nur etwa 25% ausmachen? (Q: Bundesamt für Migration, Zeitraum 01. Januar – 30. September 2015)
  5. Warum kommen „Flüchtlinge“ in solch Massen gleichzeitig aus den verschiedensten Regionen und Richtungen?
  6. Warum kommen überwiegend junge (unverheiratete) Männer? 
  7. Warum werden Frauen und Kinder von den Männern in deren Heimat zurückgelassen, trotz Gefahren für Leib und Leben? Wer beschützt die Frauen und Kinder dort?
  8. Warum ist für Asylbewerber rasch so viel an Geld verfügbar, für andere wichtige Belange aber nicht?
  9. Warum verstecken sich die deutschen Abgeordneten hinter Floskeln? Kann die Regierung oder will die Regierung die Komplexität der Lage nicht begreifen?
  10. und: Warum hinterfragen nur so wenig deutsche Bürger die offensichtlichen Widersprüche und Eigentümlichkeiten?

Meine Wahrnehmung ist, dass es in Deutschland dringendst eine innere Aufrichtung braucht.
In vielerlei Hinsicht.

1.) Mangelnde Meinungsfreiheit

„Das Grundrecht auf Meinungsfreiheit ist als unmittelbarster Ausdruck der menschlichen Persönlichkeit in der Gesellschaft eines der vornehmsten Menschenrechte überhaupt. Für eine freiheitlich-demokratische Staatsordnung ist es schlechthin konstituierend.“
Lüth Urteil, Bundesverfassungsgericht

Aber wo ist die Meinungsfreiheit in Deutschland geblieben? Wer sich kritisch über die politische Handhabung der in Deutschland einströmenden Migranten äussert, wird gleich als unmenschlich, herzlos, ausländerfeindlich, wenn nicht sogar als rechtsextrem abgestempelt.

„Es ist ja bereits etablierter Konsens, dass die Ablehnung von Flüchtlingen rassistisch ist. Und jegliche soziale Frage ist gründlich genug aus der politischen Wahrnehmung exorziert.“
Dagmar Henn, ehemalige Stadträtin in München

Tania Kambouri, Polizistin und Autorin des Buches „Deutschland im Blaulicht“:
„Multikulti birgt aber nun mal auch viele Risiken und wenig sozialromantische Wahrheiten: Kulturelle Prägungen, religiöse Überzeugungen, überkommene Traditionen sind manchmal einfach nicht miteinander vereinbar. Das ist kein Rechtspopulismus, sondern gesunder Menschenverstand„, schreibt Kambouri. Es gebe gerade mit Muslimen „die größten Schwierigkeiten, allen voran mit jungen Männern. Menschen aus diesem Kulturkreis, seien es Türken, Kurden, Libanesen, Tunesier oder andere Nationalitäten, tun sich auffallend schwer damit, sich in Deutschland zu integrieren.“
Eine amazon Leser-Review dazu:
„In Zeiten der political correctness kann wohl nur eine Person mit Migrationshintergrund die Missstände so deutlich anprangern. Hätte eine Person ohne Migrationshintergrund sich so deutlich ausgedrückt, würde sofort die Rassismuskeule geschwungen.“

Der Appelle für mehr Toleranz gibt es viele. Toleranz heisst, etwas zu akzeptieren, auch wenn es einem nicht gefällt (bspw. andere Meinungen). Toleranz bedeutet aber nicht, sich alles gefallen lassen zu müssen (und über die Grenzen hat jeder selbstverantwortlich zu entscheiden).

Wir sind mitten in einem Prozess des Erlebens ganz neuer Lebenssituationen. Da müssen doch eine kritische Auseinandersetzung und Diskussion zur Orientierung, Wissensaustausch und Erforschung von Werteverständnissen der (unfreiwillig) zusammengewürfelten westlichen Bürger und nichtwestlichen Neuankömmlinge möglich sein.

2.) Deutsches Dilemma

Ohne Zweifel, Deutschland möchte sich ausländerfreundlich darstellen. Weil die Nazivergangenheit aber nicht wirklich verarbeitet wurde und das kollektive Trauma (körperliche, psychische und seelische Erschütterungen) noch nicht geheilt ist – vor allem emotional nicht geheilt – stürzt man sich gerade blind in ein Extrem und wagt nicht, die ganze aktuelle Problematik mit klarem Kopf zu betrachten, und eben auch Kritik, Bedenken, Besorgnis einen Raum zu geben. 

In der aktuellen Situation, nehme ich bei vielen entweder vorauseilend gehorsame Akzeptanz und Aktionismus, oder Apathie und Verleugnung wahr, eine Art Dämmerzustand in dem sich mit dem Thema gar nicht erst auseinander gesetzt wird. Vermeidung und Disassoziation von unangenehmen Gefühlen und Ängsten sind menschlich, aber bestehen bleiben sie ja trotzdem, halt verdrängt.

Schuldgefühle und Angst verhindern, dass ein Mensch die nötige Besonnenheit und das Unterscheidungsvermögen hat, um die Wahrheit oder das Wesen einer bestimmten Situation zu erkennen. Angst hat nicht nur Einfluss auf Atmung und Herzrythmus, sondern auch auf das Nervensystem, die Gehirnfunktionen und die Wahrnehmung. Angst verursacht eine labile Haltung, die nicht dienlich ist. Beispiel: Es werden nicht nur Polizistinnen von männlichen muslimischischen Flüchtlingen nicht ernst genommen, sondern auch die männlichen Polizisten haben Probleme, denn sie trauen sich nicht, Straftaten von Asylanten in der Art zu verfolgen, wie man das bei einem Deutschen täte, aus Angst dann schnell als ausländerfeindlich zu gelten und denunziert zu werden.

Ältere Generationen in Deutschland unterdrückten ihre Kriegstraumata und übertrugen unbewusst und ungewollt ihre Prägungen auf die Folgegenerationen (Stichwort „Kriegsenkel“). Wieviele Deutsche haben ihre Geschichte nicht aufgearbeitet und leben, zwar in äusserem Wohlstand, aber mit unterdrückten Emotionen, möglicherweise auch mit schwerwiegenden Geheimnissen. Da sind Gerümpel und Stördaten im individuellen und kollektiven Unterbewusstsein, die ein Mehr desselben magnetisieren. Bewusstsein denkt, Unterbewusstsein lenkt. Ein Bekannter schrieb: “… Immer wieder stoße ich auf die Wahrnehmung, die Geschichte meines Vaters auf eine Art geerbt zu haben.” Ja, wenn keine grundlegende innere Klärung, Transformation und Neuausrichtung geschieht, ist das nicht überraschend. Jeder ungeheilte Schock und jeder unterdrückte Schmerz hat eine Konsequenz auf unser Sein. Und zwar in Form von Einschränkungen, die sich in unserem Zellgedächtnis, unserem Glaubenssystem und unseren Gedankenstrukturen verankern, entsprechend im Verhalten spiegeln.

Ich habe den Eindruck, Deutschland* und seine Vergangenheit bedürfen endgültig der Heilung (= Akzeptieren was war, Vergeben, Selbstannahme, Aufrichten). Ganzwerdung beinhaltet dabei das Loslassen nicht-dienlicher Anhaftungen und die Befreiung von Negativprogrammen – Scham, Schuld, Pingpong zwischen Opfer-, Aggressor- und Retter-Rollen, Selbstzweifel und Selbstsabotage. Bei Bedarf auch mal klar Nein sagen, Grenzen ziehen und nicht alles mitmachen. Nicht alles aus falsch verstandener Schuld oder Heldentum schlucken und den Märtyrer spielen. Es sind übrigens Schuldgefühle, die den Märtyrer an seinem Platz halten. Er ist auch dann noch bereit, zu leiden und sich verletzen zu lassen, wenn alle anderen schon das Weite gesucht haben, weil es ihm einen Wert verleiht. Er gefällt sich darin, keine Ansprüche für sich selbst zu stellen und immer für andere da zu sein.

Es ist an der Zeit, dass Deutschland* sich sammelt, aufrichtet und aus seiner fragmentierten, regressiven Rolle (sich ewig anzupassen und gefallen zu wollen) aussteigt und erwachsen wird. 

Wenn ich hier von Deutschland schreibe, so liegt es an jedem Individuum SELBST, diesen Prozess zu beschreiten, denn die Gruppe von Individuen macht das Kollektivbewusstsein aus. Also wo Deutschland* (mit Sternchen) steht, kann auch ein Bürgername eingesetzt werden, damit es unmissverständlich konkret wird.

3.) Wahre Hilfe ist Empowerment vor Ort

Die aktuelle Flüchtlingskrise ist ein weltweites Problem und dessen Umfang ist seit dem Zweiten Weltkrieg unübertroffen. Es gibt derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, die einen Ort suchen, wo sie in Sicherheit leben können (Quelle: United Nations High Commission).

Dass die Aufnahme aller Flüchtlinge nicht die Lösung sein und Deutschland die Welt alleine nicht retten kann, sollte eigentlich klar sein. Wo liegt die Wurzel für Merkels Entscheidung „alle können zu uns kommen“? Schuld (durch die immer noch klammernde deutsche Vergangenheit)? Hybris („too great to fail“)? Moralische Pflicht (Elend direkt vor der Haustür)? Oder tatsächlich Mitmenschlichkeit? Aber warum wurde die Mitmenschlichkeit dann nicht direkt bei den Leuten in ihren Heimatländern ausgedrückt? Wieso werden keine konkreten und konsequenten Massnahmen in den Krisengebieten ergriffen? Warum wurden sogar Waffen dorthin verkauft?

Sollte man nicht die Sanierung der Heimatländer als Ziel vor Augen haben, anstatt zu versuchen, Millionen von entwurzelten Menschen in einem ganz neuen Umfeld anzusiedeln? Davon abgesehen, wenn diese Menschen in Deutschland/Europa bleiben, wer baut dann ihre Länder wieder auf?

Immigrations-Problematik mal plausibel und plakativ erklärt (6 Min.):

Davon abgesehen ist Deutschland nicht nur Schlaraffenland.

Auch wenn es einen, weltweit verglichen, allgemein hohen Komfort- und Lebensstandard gibt, so hat dieser auch einen hohen Preis (Lebenshaltungskosten, Mieten, Steuerabgaben, Versicherungen usw.). Und bereits viele deutsche Bürger können diesen Preis nicht zahlen. Ob das Auszubildene und Studenten oder Singles, Alleinerziehende, Arbeitslose oder Rentner sind. Das glorreiche Bild, das im Ausland über Deutschland verbreitet wird, ist eine Verzerrung und leider ein Baustein irreführender Lockrufe an Flüchtlinge.

In Deutschland gibt es Millionen von Arbeitslosen, Kinder und Jugendliche, die von Hartz4 leben, Analphabeten, Obdachlose und tatsächlich auch eine offizielle Armutsgefährdungsquote.

„In keinem anderen Euro-Land ist das Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. Die Schere zwischen denen, die viel Geld besitzen und denen, die gar keines haben, wird dabei immer größer.“
Q: http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-02/diw-studie-vermoegensverteilung-deutschland

26 Millionen Kinder und Jugendliche sind nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung in der Europäischen Union von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Damit seien die Jüngeren die größten Verlierer der Wirtschafts- und Schuldenkrise der vergangenen Jahre in der EU. Betroffen sind fast 30 Prozent aller unter 18-Jährigen. Weit über fünf Millionen haben nur geringe Zukunftsperspektiven, da sie weder Ausbildungsplatz noch Arbeit finden. Q: focus.de

Aufschlussreich: die erste Hälfte des Interviews mit Roger Willemsen u.a. zum Thema Armut in Deutschland, 15. Min. (nach seinen Beobachtungen des Deutschen Bundestags – veröffentlicht in dem Bestseller „Das Hohe Haus„):

4.) Toleranz nur als scheinheilige Floskel 

Natürlich tauchte in mir auch sofort diese Frage auf: wieso nimmt Deutschland Hunderttausende Migranten auf (und nicht alle sind Kriegsflüchtlinge), die alle möglichen Zuwendungen erhalten, während ausländische, nicht europäische Ehepartner nicht einmal spontan und komplikationslos mit ihren deutschen Ehepartnern für einen Kurzaufenthalt (!) einreisen können? Geschweigedenn dass ein/e aussländische/r Ehepartner/in mit seiner/m deutschen Ehepartner/in nach Deutschland ziehen könnte, ohne komplexe und entwürdigende Überprüfungen und Sprachtestverfahren bestanden zu haben.

Nun, die Herausforderungen für binationale Ehepaare – egal, ob ein Ehepartner nun aus Österreich oder aus einem noch östlicherem Land wie Indien kommt – seien nur am Rande erwähnt. Sie sind allerdings ein relevanter Hinweis auf die deutsche Politik, denn wenn der deutsche Staat wirklich so tolerant und offen wäre, hätte sich schon vor langer Zeit etwas an der Gesetzlage für binationale Ehepaare und Familien geändert. So wirkt die aktuelle offizielle Toleranznummer wie eine Farce.

5.) Waffenexport

Und das bringt mich zu diesem Punkt: Deutschland gehört weltweit zu den Top 3 Waffenexporteuren. Die größten Waffenlieferanten der Welt sind die USA gefolgt von Russland, Deutschland, Frankreich und China. Hier ein Überblick, um klar aufzuzeigen, wie verstrickt Politik und Wirtschaft mit den aktuellen Problemen sind (Quellen: Wikipedia, SIPRI, Handelsblatt):

Jedes Jahr verkauft Deutschland für mehrere Milliarden Euro Waffen und Rüstungsgüter in alle Welt – mehr als jedes andere Land in Europa. Im Jahr 2014 erteilte die Bundesregierung Genehmigungen für die Ausfuhr von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern im Gesamtwert von 6,519 Mrd. Euro. Empfängerländer sind die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, die Gruppe der NATO-Länder und die derzeit zwölf den NATO-Mitgliedern gleichgestellten Länder. Außerdem werden rund 100 weitere Länder weltweit beliefert, die keinem oder anderen Verteidigungsbündnissen angehören. Unter den Empfängern gehören USA, Russland, China, Afghanistan, Saudi-Arabien, Ägypten, Lybien, Irak, Israel, Pakistan, Jordanien und Syrien.

Während des Flüchtlingsdramas, liefen u.a. auch diese Dinge „im Hintergrund“:

Stationierung neuer US-Atomwaffen in Deutschland:
http://www.zdf.de/frontal-21/stationierung-neuer-us-atomwaffen-in-deutschland-russland-beklagt-verletzung-des-atomwaffensperrvertrages-40197860.html

Kurz erwähnt sei hier das US Strategiepapier „Joint Vision 2020“, das Leitlinien zu einer Full-spectrum Dominance („Überlegenheit auf breiter Front“) der US-amerikanischen Streitkräfte enthält, damit diese möglichen Bedrohungen auf dem gesamten Erdball begegnen können (die Fähigkeit zu einem Global Strike spielt eine zentrale Rolle).

Europaweite Armee Übungen „Trident Juncture 2015“ (19. Okt. – 6. Nov.):
Die größte Übung der NATO seit 10 Jahren mit insgesamt 36.000 Soldaten.

http://www.jfcbs.nato.int/trident-juncture

Nicht zu vergessen, Merkels Verhandlungen mit Indiens Präsident Modi im September (!) in Indien, die im Kern Wirtschaft- und Rüstungdeals beinhalteten. Der neu entschiedene Lehrplan zum Austausch der Sprachen (Deutsch als dritte Sprache an indischen Staatsschulen, und Hindi an deutschen Schulen) wirkte eher wie ein gefälliges Deckmäntelchen:
http://indianexpress.com/article/india/india-news-india/modi-merkel-talks-germany-offers-euro-2-bln-to-india-for-solar-clean-energy/

6.) Gier und Ignoranz 

Das aktuelle Völkerwanderungsdrama beruht sicher zu einem Grossteil auf mangelnder Umverteilung, skrupelloser Ausbeutung von Mensch und Natur, pervertiertem Konsumverhalten, Waffenexporten und Kriegsbeteiligungen – kurz: Ignoranz, Arroganz und Gier.

Wie lange der Westen versäumt hat, auf die deutlichen Hilferufe aus Syrien/ dem Libanon zu reagieren, kann man hier mal nachlesen:
http://www.sueddeutsche.de/politik/syrien-fluechtlinge-was-merkel-uebersehen-hat-1.2662655

Ethik oder Etat – Sind unsere Werte nur Börsenwerte? (ca. 160 Min.):

„In Friedenszeiten schlägt die Geldmacht Beute aus der Nation, und in Zeiten der Feindseligkeiten konspiriert sie gegen sie. Sie ist despotischer als eine Monarchie, unverschämter als eine Autokratie, selbstsüchtiger als eine Bürokratie. Sie verleumdet all jene als Volksfeinde, die ihre Methode in Frage stellen und Licht auf ihre Verbrechen werfen. Eine Zeit der Korruption an höchsten Stellen wird folgen, und die Geldmacht des Landes wird danach streben, ihre Herrschaft zu verlängern, bis der Reichtum in den Händen von wenigen angehäuft und die Republik vernichtet ist.“
Abraham Lincoln, Ex-US-Präsident

Ansichten vier deutscher Bürger:

„Nach der Kolonialzeit und nach den beiden Weltkriegen sind in Afrika und im nahen Osten von den Westmächten oft willkürlich neue Grenzen gezogen worden, ethnische, kulturrelle und religiöse Gruppen auseinander gerissen bzw. zusammen gewürfelt worden. Wir habe mit korrupten und skrupellosen Machthabern zusammen gearbeitet, sie gestützt, wenn es unseren wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen entsprach, und aus den gleichen Gründen geholfen, sie zu stürzen, wenn sie störend waren. Es hat uns anscheinend wenig interessiert, wenn unsere Hilfsgelder in den Taschen der machthabenden Familienclans gelandet sind. Wir haben Länder ausgebeutet (Bodenschätze und Fischresourcen) und die lokale Wirtschaft mit unseren billigen Wegwerfabfällen (u.a. Kleidung, Fleischabfälle usw.) geschädigt bis zerstört. Wir vergiften ihre Umwelt durch unseren Giftmüllexport, legal und illegal, und sind maßgeblich an Klimakatastophen beteiligt. Besonders Deutschland hat herrlich an den Waffen verdient (drittgrößter Waffenexporteur), mit denen die Völker sich umbringen bzw. vor denen sie jetzt weg laufen. Wenn wir ihnen dann immer noch vorreden, wir können und wissen alles besser, muss man sich nicht wundern, dass sie nun so, ohne Aussicht auf Besserung im eigenen Land, zu uns kommen. Und wenn sich die Weltgemeinschaft aus der Verantwortung zieht und zugesagte Hilfsgelder für die Flüchtlingslager vor Ort nicht zahlt und Hunger und Not sich verstärken und unsere naiven Gutmenschen in Deutschland am Bahnhof stehen und applaudieren und Willkommensschilder hochhalten, wenn die Flüchtlinge eintreffen und diese Bilder per Fernsehen und Smartphone in Windeseile in die entfernteste Elendshütte geschickt werden können, ist dieser enorme Aufbruch nur zu verständlich. Das wird bei den Klatschern noch ein böses Erwachen geben. Die Politik wusste alles und hat weg geschaut. Flüchtingspolitik und Nothilfe sind keine Themen, mit denen man die nächsten Wahlen gewinnt, und darum geht es den meisten vor allem. Genau dieses aktuelle Szenario ist schon vor 15- 20 Jahren aufgezeigt worden: eine Invasion nach Europa von Flüchtlingen, die keinen oder nicht genug Zugang zu Nahrung, Wasser, Bildung und Frieden haben.“
Pensionierte Gymnasiallehrerin

„Die einzig nachhaltige Hilfe wäre es, den entsprechenden (Krisen-)Ländern und Gesellschaften ausreichend faire Möglichkeiten zur Teilnahme am Weltmarkt zu bieten – dann würde auch kaum ein Mensch seine Heimat verlassen wollen. Das aber brächte natürlich herbe Einschränkungen des jetzt wirtschaftlich dominierenden Klientels mit sich. Ergo kittet man lieber in bester Flickschustermanier mit Auffangheimen, überforderten und naiven Ehrenamtlern und „Sozialgroschen“ nach dem Gießkannenprinzip herum. So zeigt sich leider die bigotte Einstellung von IWF, EU und Konsorten: Brot für die Welt, aber die Wurst bliebt hier. Knackpunkt: die Bevölkerung der hilfsbereiten Länder erschöpft ihre Aktivität oft leider in der „erste Hilfe“ – sie könnte oft auch gar nicht noch mehr leisten, schließlich hat sie ja auch noch ein Leben zu leben.“
Leserkommentar, Die Zeit

„Eine mächtige Elite ist da am Werk, die ihre ungesehenen, unbewältigten Kindheitsnöte samt dem unreflektierten Ahnenerbe austobt, und da in der Masse genügend mit ähnlicher Pathologie sind, geht es weiter. Die Masse, wenn sie bewusst wäre, könnte so mächtig sein. Schon vor vielen Jahren hätte sie sich den Made in Taiwan, Made in India oder Made in China widersetzen können. Aber dazu braucht es Bewusstsein, zu begreifen, dass hinter einem Herrenhemd fuer 5.99 € Sklaverei steckt – woanders natürlich, nicht bei uns. Und so ist es mit vielen Dingen.“
Selbstständige Event Organisatorin, Künstlerin, Filmemacherin und Schriftstellerin

„Das nationale und internationale Regierungsverhalten sind so chaotisch und die Medien so verzerrt, dass man sich nur noch auf sich selbst besinnen kann. Wem kann denn noch geglaubt werden? Wir Bürger werden für dumm verkauft und zu Spielbällen der Angstmacherei gemacht. Was hinter all dem steht? Die reine Gier. Ich vermute auch, dass die EU auseinanderfallen wird. Im Grunde hat es sie nie gegeben. Die meisten Menschen waren sowieso nicht sonderlich daran interessiert, nur die Wirtschaft. Zuletzt wurden Länder aufgenommen, die absolut nicht hinein gehören, nur um neue Märkte zu erschließen bzw. um Hilfsmittel der EU zu erhalten, aber weiterhin völlig nationalistisch zu bleiben.“
Geschäftsführer eines Dienstleistungsunternehmen

7.) Banalisierung und esoterische Vernebelung

Selbst wenn wir spirituell betrachtet alle aus der gleichen Quelle stammen und es jedem ein innewohnender Wunsch ist, sich gut, gesund und glücklich zu fühlen, gibt es Unterschiede und individuelle Tendenzen unter den Menschen und Völkern. Kulturell, intellektuell, körperlich, energetisch und emotional sind wir alle unterschiedlich und haben unterschiedliche Kapazitäten und Missionen – und Vorgehensweisen, um Glückseligkeit zu erreichen. Ein gängiger esoterischer Ansatz ist, alles in nichts zu generalisieren. Alles mit dem Schleier von „Licht und Liebe“ zu versehen und so zu tun, als gäbe es die weltlichen Differenzen und Herausforderungen nicht, hat aber mit Spiritualität nichts zu tun, sondern mit Realitätsflucht.

Der aktuellen Situation in Deutschland mit einer Alles-ist-gut-Stimmung oder Mitleid(en) zu begegnen, halte ich für wenig hilfreich.

Zitate aus Nachbarschaft und Bekanntenkreis: „Chaos? Wieso Chaos? Ist doch alles ok. Wieso sollte die Regierung einen Plan haben? Die Flüchtlingssituationen müssen von den einzelnen Landkreisen individuell geregelt werden. Und das tun sie doch auch.“, „Wenn wir das nicht schaffen, wer dann?“, „München ist ja auch wirklich super aufgestellt und darauf eingespielt, mit grossen Massen umzugehen.“, „Es ist eine sehr große Herausforderung und gleichzeitig sehr spannend, zu beobachten, wie sich die Kräfte bewegen. Um das zu erleben, sind wir ja auch alle hier. Ich bin sicher, Frau Merkel hat Recht: Wir schaffen das.“ , „Wir müssen jetzt alle zupacken, wie damals die Trümmerfrauen.“ Und im Newsletter einer populären „Praktizierenden zeitgemässer Spiritualität“ stand: „wenn die Regierung doch nur mehr Menschen in Not herein lassen würde.“ (wohlgemerkt, die Dame hat ihren Sitz in den USA.)

Es ist eine Sache, die Aspekte der Metaphysik zu geniessen, die einfach, nett und leicht bekömmlich sind. Es ist eine ganz andere Nummer, in die eigenen tiefen Emotionen und Energiefelder zu gehen, wofür Introspektion und die Bereitschaft zu inneren Loslösungen erforderlich sind, und dann entsprechende Maßnahmen zu ergreifen – die gewonnenen Erkenntnisse konkret im Alltag und in Beziehungen umzusetzen. Aber das ist das, was auf globaler Ebene gerade angeschoben wird. Wir müssen aufwachen, aber nicht nur, um uns besser zu fühlen, sondern um bewusster in allen Bereichen unseres Lebens zu leben.

Ein guter Anfang wäre, sich selbst Fragen im Zusammenhang mit den aktuellen Geschehnissen und Ungewissheiten zu stellen. Und zu prüfen, ob es emotionale Ladungen (Reaktionen) gibt:

  • Was hat meine Familie oder haben meine Vorfahren erfahren, das ich absorbiert, zu meiner Geschichte und einer Definition von mir gemacht habe?
  • Was macht mir gerade Angst, das mir passieren könnte? Wo kreise ich gedanklich in Vergangenem und recycle Geschichten, wo hänge ich in möglichen Befürchtungen um die Zukunft (beides Zugkräfte, die vom Gegenwärtigen ablenken)? Was nehme ich jetzt, in diesem Moment, wirklich wahr?
  • Worüber bin ich mir bewusst in Bezug auf meine Beziehungen – die Verbindung mit mir selbst, und mit anderen? Welche meiner Beziehungen funktionieren, welche sind disfunktional?
  • Trage ich eine Last, weil ich mich verantwortlich fühle, Menschen zu retten? (Alte Versprechen, Verträge oder Gelübde werden vielleicht jetzt gerade ausgelöst. Lass sie los.) Kann ich es akzeptieren, wenn Menschen sterben, auch wenn große Gruppen von Menschen sterben? (Sei Dir bewusst, Du kannst nicht die Welt retten.)

8.) Sicherheit und klares Rollenverständnis

Was ich von Anfang an von Freunden, Familie und anderen in Deutschland mitbekommen habe: überwiegend besorgte Stimmen und Unverständnis über Merkels impulsive, voreilige Grossentscheidung. Ein grosses Mulmgefühl. Und auch Angst. Um die eigene Sicherheit, um die deutsche Kultur, um die Wirtschaft, um Frieden.

Lauter junge Männer kamen und kommen, von denen niemand was weiss. Und überwiegend Muslime. Viele Frauen drücken ihre Sorge aus. Wie verstehen diese „noch Fremden“ die deutsche/ westliche Freiheit und Freizügigkeit? Verstehen und Akzeptieren sie Gleichberechtigung von Mann und Frau? Wie ist ihr Rechts- und Rollenverständnis?

Angela Merkel wünscht sich „direkte persönliche Begegnungen“. Was aber wenn Frauen und Mädchen beispielsweise keinerlei Interesse an „Begegnungen“ mit den jungen Männern haben? Zumal sie nicht davon ausgehen können, dass die Neuankömmlinge interkulturell sensibilisiert sind. Invasives Starren und zu nah an einer Frau vorbeizugehen, sind in diesem Zusammenhang noch relativ harmlose Beispiele.

Universitäten empfehlen weiblichen Studenten, sich nicht zu freizügig anzuziehen, to dress modestly, um potenzielle Missverständnisse mit den immigrierten Männern zu vermeiden. Kommt noch soweit, dass deutsche Frauen aus Sicherheitsgründen ein Kopftuch tragen müssen.

Wie kann es sein, dass die deutsche Regierung sich hier aus der Verantwortung zieht und nicht eindeutig positioniert? Was ist das bloss für eine Angepasstheit? Das wird von mir und anderen im Ausland lebenden Deutschen bzw. Ausländern, die schon lange in Deutschland leben, auch als typisch deutsch empfunden. Eine unsichere Haltung, anstatt sich selbstbewusst hinzustellen und zu sagen: so läuft das hier, das sind die westlichen/deutschen Rechte, Werte und Normen. Punkt und keine Diskussion.

Auf die Information, dass an einer deutschen Schule Hotpants und enge T-Shirts verboten wurden, sagte Flemming Rose (ehemaliger Kulturressortchef der dänischen liberal-konservativen Tageszeitung Jyllands-Posten) im Gespräch mit Die Welt:
„Das ist genau der falsche Weg. Ich hätte einen Übersetzer geholt, der Arabisch, Farsi und Paschtu spricht, wäre mit ihm in das Flüchtlingscamp gegangen und hätte ihn gebeten, Folgendes zu sagen: „Willkommen in Deutschland! Wir haben euch aufgenommen, wir wissen, dass ihr schwere Zeiten durchmacht, aber wenn ihr hier leben wollt, müsst ihr euch an unsere Regeln halten. Und wenn ihr eine Frau in kurzen Hosen und einem engen Top seht, dann denkt bitte daran, dass dies keine Einladung zum Sex ist. So etwas gehört zu unseren Freiheiten, und wenn es euren Überzeugungen widerspricht, dann habt ihr euch das falsche Land ausgesucht. Niemand wird euch daran hindern, woanders euer Glück zu suchen.“

Slavoj Žižek, slowenischer Philosoph, Psychoanalytiker, Autor, Senior Researcher am Institute for Humanities, Birkbeck College (University of London) und internationaler Universitätsgastprofessor:
„Europe should organize itself and impose clear rules and regulations. State control of the stream of refugees should be enforced through a vast administrative network encompassing all of the European Union (to prevent local barbarisms like those of the authorities in Hungary or Slovakia). Refugees should be reassured of their safety, but it should also be made clear to them that they have to accept the area of living allocated to them by European authorities, plus they have to respect the laws and social norms of European states: No tolerance of religious, sexist or ethnic violence on any side, no right to impose onto others one’s own way of life or religion, respect of every individual’s freedom to abandon his/her communal customs, etc. If a woman chooses to cover her face, her choice should be respected, but if she chooses not to cover it, her freedom to do so has to be guaranteed. Yes, such a set of rules privileges the Western European way of life, but it is a price for European hospitality. These rules should be clearly stated and enforced, by repressive measures (against foreign fundamentalists as well as against our own anti-immigrant racists) if necessary.“ 

9.) Interkulturelle Kompetenz

Wo sind jetzt die interkulturellen Manager und Spezialisten um potenzielle Disfunktionalitäten und Handlungsfehler zu vermeiden, und zwar auf Seiten der Deutschen UND auf Seiten der Zuwanderer? Warum wurde nicht auf der Stelle über alle Medien für interkulturelle Sensibilisierung und Kompetenzerweiterung gesorgt? Warum werden nicht täglich mehrsprachige, ganzseitige Zeitungsartikel, sowie Youtube- und Fernsehprogramme geschaltet, die über mehrere Monate laufen (bspw. vom Kultusministerium iniziiert)? Für die Inhalte muss das Rad auch nicht neu erfunden werden, Lehrmaterial und erfahrene Coaches im Bereich Interkultureller Kompetenz gibt es schliesslich.

Ob die Informationen vom Gegenüber verstanden und angenommen werden würden, bliebe zwar offen, aber wenigstens wären Signale gesetzt.

Immerhin ist Deutsche-Welle-Moderator Jaafar Abdul-Karim schonmal ein gutes Vorbild. Er gibt in einer Kolumne den Neuankömmlingen sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch und Englisch Rat: „Leben und leben lassen ist ein bewährtes Motto in Deutschland. Macht es bitte auch zu eurem Mantra. Wenn sich ein Paar auf der Straße küsst, und seien es zwei Männer oder zwei Frauen, dann nehmt es so hin, auch wenn es vielleicht ein Schock für euch ist. Dass ihr daran nicht gewöhnt seid, heißt nicht, dass es falsch ist. Ihr lebt jetzt in einem anderen Wertesystem, das ihr respektieren sollt, damit wir alle hier friedlich zusammenleben können.“ 

Der interkulturelle Kontext – Einstellungen, Werte, Lebens-, Denk- und Arbeitsweisen – darf nicht ignoriert werden, er ist wichtig, damit das Miteinander gelingt. Die Interpretation von Situationen ist immer auch kulturbedingt. Ohne Kenntnisse über die eigene und fremde Kultur gibt es Missverständnisse und Probleme.

Kulturmerkmale (davon sind einige sichtbar, andere unsichtbar):
Verständnis von Autoritätsstrukturen/Führung, Familie und Freundschaft, Ich-Verständnis, Rollenverständnis Mann/Frau, Werte, Moralvorstellungen, Kunst/Architektur, Essgewohnheiten, Umgang mit Zeit und Geld, Gesten und Körpersprache, Arbeitsmoral, Schönheitsideale, Kleidungsstil, Glaube, religiöse Rituale, Meinungsfreiheit und Kommunikationsstile etc.

Typisches Konfliktpotenzial:
Falsche Interpretation von Körperhaltung, Augenkontakt und Berührung/Nähe. Und damit Ignoranz auch der kulturell bedingten Minimum-Komfortzonen.

Die beiden grössten Probleme im interkulturellen Austausch:

  1. Zur wenig über die EIGENEN Werte und Verhaltensmuster zu wissen (Kulturstandards). Mangelhafte Selbsteinschätzung.
  1. Falsche Einschätzung des ANDEREN.
    Mangelndes Verstehen der fremden Kultur.

„Die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft bilden ein umgrenztes System, das sein eigenes Leben hat; man könnte sie das gemeinsame oder Kollektivbewußtsein nennen. Zweifellos findet es sein Substrat nicht in einem einzigen Organ. Es ist definitionsgemäß über die ganze Gesellschaft verbreitet. Trotzdem hat es spezifische Charakterzüge, die es zu einer deutlich unterscheidbaren Wirklichkeit machen. In der Tat ist es von den besonderen Bedingungen unabhängig, denen sich die Individuen gegenübergestellt sehen.“
Emile Durkheim, Soziologe

10.) Kulturschock und Sprachhürden

Es ist naiv, wenn nicht sogar eine eklatante Fehleinschätzung, anzunehmen, dass die Integration der Flüchtlinge aus ganz anderen Kultur- und Religionskreisen so natürlich, zügig und unproblematisch erfolgen wird, wie es die Politiker im Kopf haben. Ich habe selbst viele Jahre in Ländern zwischen UK und UAE und Indien gelebt und gearbeitet. Wer sich nie mal länger ausserhalb von schicken Hotels in asiatischen, islamischen oder afrikanischen Länder bewegt hat, kann nicht wissen wie verschieden wir Menschen sein können, und hat wirklich keine Ahnung davon, wie kulturell/ sozial/ politisch/ psychologisch anders konditioniert die Menschen sind, die jetzt zu Hunderttausenden zuwandern.

Wer nie im Ausland gelebt hat und als Erwachsener nie eine neue Sprache lernen musste, kann sich nicht vorstellen, welch langwierige Herausforderung es sein kann, sie sowohl alltagstauglich als auch fachlich einsetzbar, zu beherrschen (sprechen, lesen und schreiben, verstehen) – insbesondere wenn es um eine Sprache mit ganz anderen Wurzeln und aus anderem kulturellen Kontext geht.

„Die Annahme dieser Politiker, allen voran von Herrn Gauck und Frau Merkel, dass aus den Migranten motivierte, intelligente, gebildete und sofort einsatzbereite Arbeitskräfte werden, welche die alternden deutschen Arbeitnehmer ersetzen könnten, ist geradezu lächerlich. Sie steht im krassen Widerspruch zu allen Erfahrungen, die Deutschland bisher mit seinen Zuwanderern und Gastarbeitern gemacht hat. Es ist bekannt, dass sich jeder Mensch seine grundlegenden Verhaltensmuster in der Jugend aneignet, die wichtigste Prägung erhält er meist in der Familie. Wolfgang Kasper, Professor für Nationalökonomie, ein Deutscher, der seit einem halben Jahrhundert in Australien lebt, sagt dazu: „Es gibt zwar Ausnahmen, aber die Mehrheit der heutigen Migranten wird einen langsamen, mehrere Generationen dauernden Prozess der kulturellen Anpassung durchgehen müssen.“
Václav Klaus, tschechischer Staatspräsident 2003 bis 2013

11.) Konsequenzen unterschiedlicher Religionen

Zu den Folgen der aktuellen Entscheidungen gehört auch der Familiennachzug der Migranten. Viele wollen ihre Familienmitglieder herholen, d.h. wenn ein Mann hier ist und noch Frau und 3 Kinder in seinem Heimatland hat, werden aus 1 Million Flüchtlinge ganz schnell mehrere Millionen. Die Dunkelziffer illegal Zugewanderter und Abgetauchter sei mal an die Seite gestellt.

Da überwiegend Muslime einwandern, ist ein grosses Thema die Integration unterschiedlicher Religionen und Lebenstile. Was ist realistisch? Amalgamation oder Parallelwelten? Um nur mal ein paar Aspekte in die Runde zu werfen:

Kinderreichtum bedeutet gesellschaftliches Ansehen und Fortpflanzung gilt als muslimische Lebenspflicht. Entsprechend schnell wächst die Bevölkerung.

Nach dem islamischen Recht (Scharia) kann ein muslimischer Mann eine christliche oder jüdische Frau heiraten, ohne dass diese ihre Religion aufgeben muss. Angehörige anderer Religionen kommen nicht in Frage, es sei denn, die Frau konvertiert zum Islam. Die Ehe wird nach islamischem Ritus vollzogen. Nach dem Ehevertrag ist der Frau ihre freie Religionsausübung üblicherweise gestattet, die Kinder gelten jedoch als Muslime und sind dementsprechend islamisch zu erziehen – ein großes praktisches Problem, da der größere Erziehungsanteil zumeist von den Frauen geleistet wird. Muslimischen Frauen hingegen ist es nach der Scharia nicht erlaubt, nichtmuslimische Männer zu heiraten. Die Freizügigkeit der Mischehe im Islam gilt nur dem Mann. Mehrehe wird vielleicht auch noch ein Thema werden (ein muslimischer Mann darf bis zu 4 Frauen heiraten).

Wenn es um gemischtreligiöse Ehen geht, stellen sich bei einer Verbindung mit einem gläubigen Muslim wahrscheinlich diese Herausforderungen im Fall gemeinsamer Kinder: Name? Beschneidung bei Jungs? In welchem Land sollen die Kinder aufwachsen? Welche Religion werden die Kinder haben? Katholisch oder evangelisch wären einfacher für die Integrierung im Westen, aber als Muslim darf das Kind am Religionsunterricht nicht teilnehmen. Laut Gesetz in Deutschland, hat das Kind im Alter von 14 Jahren das Recht nochmal selber zu entscheiden welche Religion es für sich als Richtige sieht.

Eine der fünf Grundpfeiler des Islam beinhaltet das fünfmalige Beten am Tag, wobei sich Zeiten am Sonnenaufgang und Sonnenuntergang orientieren und dementsprechend verschieben. Dass Firmen und Fabriken der Belegschaft Räume fürs Gebet zur Verfügung stellen, ist in Deutschland noch nicht selbstverständlich. Die meisten Muslime nehmen sich in Dienstzimmern, Umkleideräumen und an anderen Orten, wo sie für andere nicht sichtbar sind, eine Pause fürs das religiöse Ritual, die einen mit Erlaubnis des Arbeitgebers, andere ohne dessen Wissen. Erlaubt ein Unternehmen seinen Mitarbeitern regelmäßige Kaffee- oder Raucherpausen, wird es auch Gebetspausen erlauben müssen.

Deutschland, das sich als religiös und weltanschaulich neutraler Staat versteht, darf sich weder für noch gegen eine bestimmte Religion aussprechen. Aus diesem Grund hängen in deutschen Klassenzimmern keine Kruzifixe mehr (BVerfG, Az. 1 BvR 1087/91) und aus diesem Grund können auch Lehrerinnen, als Repräsentantinnen des staatlichen Bildungswesens, kein islamisches Kopftuch tragen (BVerfG, Az. 2 BvR 1436/02). (Q: focus.de, evangelisch.de, wikipedia)

12.) Ehrenamtliche Dienste, Hilfskräfte & die Kirche

Sicher, es ist erfreulich, dass (noch) so viel Hilfbereitschaft und Geduld seitens der Deutschen aufgebracht wird, gleichzeitig kommt aber auch Unmut auf, denn unterm Strich sieht es doch so aus: die Politiker stümpern rum und die Bürger müssen alles ausbaden. Es ist sehr leicht, Toleranz zu propagieren, wenn man nicht selbst zum Bodenpersonal gehört. 

Vor Ort tut jeder sein Bestes in dem was ansteht. Aber viele der jetzt geforderten Berufssparten – Grenzwächter, Polizei, Beamte, Lehrer, Ärzte, Therapeuten usw. – sind eh schon überfordert und ausgepowert, seit langem. Wie sollen da noch Kapazitäten für die Schulung und die Heilung traumatisierter Flüchtlinge aus so ganz anderen Kulturkreisen freigesetzt werden? Die Bundespsychotherapeutenkammer schätzt, dass mindestens jeder zweite Flüchtling unter einer psychischen Störung leidet.

Im Pflege- und Lehrerdienst gibt es seit Jahrzehnten Missstände. Kinder, Kranke und Alte haben keine Lobby, welche die Politiker zum Handeln drängt und die betroffenen Berufsgruppen halten viel zu still. Gleichzeitig sind Streik und Verweigerung bei Lehrern und Polizisten als (Beamte) verboten, und Bedürftige im Stich zu lassen ist eine heikle Sache.

Was wird nach der Erstversorgung geschehen?
„Ehrenamtliche Hilfe kann nur eine temporäre Lösung sein, solange der Staat die entsprechenden Strukturen noch nicht aufgebaut hat. Langfristig MUSS der soziale Sektor in diesem Bereich ausgebaut werden! Es kann nicht sein, dass staatliche Aufgaben auf ehrenamtliche Helfer abgewälzt werden.“
Leser Kommentar, Die Zeit

Und nachdem mich letztens ein indischer Bekannte fragte, was denn eigentlich in Deutschland jetzt die Kirche an Unterstützung beitragen würde, wo schon die einzelnen Bürger so fleissig spenden, kam ich zu dieser Information:

Es ist zu lesen, dass die Deutschen zwar gern spenden, aber die USA, Niederlande, England und Schweden einen höheren Anteil ihres Einkommens abgeben. Aber weder in den USA, noch in den Niederlanden gibt es die Kirchensteuer. Fairerweise sei also erwähnt, dass die Kirche (evangelische und katholische) jährlich 10 Milliarden EUR von den Deutschen durch die Kirchensteuer einnimmt (Durchschnitt der Jahre 2012 – 2014, Q: de.statista.com). Die Kirche erhält dann noch zusätzlich 20 Milliarden EUR an Staatszuwendungen, aber – und das ist erstaunlich – von diesen 30 Milliarden werden weniger als 10% für soziale/öffentliche Zwecke verwendet(Mehr dazu in dem Buch „Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland“ von Dr. Carsten Frerk)

Besinnung! Aufrichtung! Neubeginn!

Jedes Land hat Qualitäten und Traditionen, die ungewöhnlich gut sind und brillant herausragen. Positive Assoziationen, die ich mit Deutschland verbindePragmatismus, Struktur, Ordnung, Effizienz, Liebe zum Detail, Zuverlässigkeit, Integrität, Dynamik, Lebhaftigkeit, Loyalität, Naturverbundenheit, Sicherheitsdenken und Sorgfalt. Deutsche sind tendenziell starke Beobachter, Innovatoren, Forscher, Ingenieure, Designer und Handwerker.

Leider hat die Geschichte bei mehr als einer Gelegenheit das gesunde Selbstvertrauen und Gefühl von Selbstachtung im deutschen Volk gebrochen. Deutsche Stärke erodierte und leidenschaftlicher Perfektionismus wurde zu pingeligem Perfektionismus. Dichten und Denken wurde durch Selbstkritik und Überanalyse zu Angepasstheit und kalter Intellektualität. Sensibilität zu roher EmpfindlichkeitUnd die tendenzielle Besserwisserei ist wahrscheinlich gespeist durch ein uraltes, christliches Überlegenheitsgefühl (auch wenn die Kirche im Laufe der letzten Jahrhunderte mit ihren dogmatischen Formeln und dem Ausgrenzen intuitiver, weibliche Kräfte, den Zug verpasst hat).

Ich würde mir wünschen, dass sich die Deutschen ihrer kulturbedingten und inhärent menschlichen Stärken erinnern, aufwachen und sich aufrichten. Ihr „Highest Potential Self“ leben. Zum eigenen Wohl, und Wohl aller.

Es scheint ein neuer Balanceakt angezeigt: bewusst Abstand zu begrenzenden alten Glaubens- und Denkmustern zu nehmen und aufzuhören, aus Gewohnheiten und Vermutungen, Rückschlüsse auf das Leben zu ziehen. Stattdessen Geistesgegenwärtigkeit und SPÜRBEWUSSTEIN praktizieren, um zu erkennen, was JETZT wahr und wirklich ist.

Dazu gehört, dass jedes Individuum selbstverantwortlich einen Prozess der Innenschau beschreitet und die eigene Integrität prüft. Das ist Bewusstwerdung, die sich nur über den Weg nach innen und einen spirituellen Prozess entwickelt. Wer ist bereit dazu?

Es ist Zeit, Orientierung von uns selbst zu bekommen, anstatt sich auf externe Daten zu verlassen. UNTERSCHEIDUNGSVERMÖGEN ist der Schlüssel der Stunde, gerade in Anbetracht all der auf uns einströmenden Informationen, Meinungen und News.

Und dass die Stimmung im Land nicht ganz kippt, liegt auch in der Verantwortung der Regierung, ihrer Response-Ability (Stichwort holistic Leadership). Merkel & Co täten sicher gut daran, sich darüber gewahr zu werden, dass in einem Unternehmen die Mitarbeiter das wertvollste Kapital und wichtigste Ressource sind. Entsprechend sind Mitarbeiterkommunikation, Informationsfluss, Glaubwürdigkeit, gesunder Menschenverstand, nachhaltiges Wirtschaften und soziales Verantwortungsbewusstsein die entscheidenden Werte. Ein Unternehmen kann nicht erfolgreich am Markt bestehen, wenn seine Mitarbeiter verunsichert und nicht informiert sind. 

Letztlich steht eine Transformation an, welche von alten, verknöcherten, patriarchalen Machtstrukturen – gekennzeichnet von Kosten-Nutzen-Rechnen, Wettbewerb, Kontrolle, Korruption, Blenden und Besiegen – Abstand nimmt und sich an einer feineren Dimension des Lebens ausrichtet und neues Regierungs-Bewusstsein kultiviert. Mit den Werten und Kräften von Klarheit, Transparenz, Souveränität, Synergie, Kreativität, Gewahrsein und Mässigung. Nach all dem erfolgreichen äusseren Ingenieurwesen der Deutschen, ist es Zeit für einen Bewusstseinswandel und das Inner Engineering. Zeit für ein neuen Kapitel.

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Wichtiger Hinweis zum obigen Text:
Zitieren, Kopieren und Extrahieren nicht ohne mein schriftliches Einverständnis.

Bild 1: Phoenix von Deborah Wulff;
Bild 2: Licht im Wald von Albert Bierstadt

Ein Gedanke zu „Deutschland: wach auf!

  1. Sylvie Bantle

    Klare Ansage! Umfangreich und konstruktiv in die Komplexitaet der Problematik geblickt. Danke fuer die Denkarbeit! Moege sie viele inspirieren, SELBST weiter zu denken und zu fuehlen …

    Antwort

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