Was ist die spirituelle Kultur Deutschlands?

world culture festival 2016 J
world culture festival 2016 A
In Anbetracht des deutschen Beitrags beim World Culture Festival in Delhi am vergangenen Wochenende, an dem 3,5 Millionen Gäste aus aller Welt teilnahmen, kam ich ins Staunen. Aber nicht vor Begeisterung. 

Es gab eine „bayerische Volkstanzvorführung“, um Deutschlands spirituelle Kultur zu repräsentieren. Interessant, oder? Wer wohl über den deutschen Beitrag entschieden hat.

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Hintergrund zum World Culture Festival:
„Das World Culture Festival 2016 feiert das 35-jährige Bestehen von The Art of Living und ihren Einsatz für Menschlichkeit, Spiritualität, menschliche Werte und den Dienst am Nächsten. Vor diesem Hintergrund heben die Feierlichkeiten kulturelle Unterschiede aus aller Welt hervor, während sie gleichzeitig unsere Zusammengehörigkeit als eine menschliche Familie betonen.“

Die Qualität des deutschen Auftritts und den Punkt Deutschland = Bayern mal beiseite gestellt, frage ich mich: Wie drückt sich eigentlich ganz generell in Deutschland Spiritualität, aus? Welche kreative, lebensfeiernde Ausdrucksform wird bewusst der Anbindung des Menschen an eine höhere, göttliche Ebene gewidmet – Tanz, Bewegung, Gesten, Musik, Klang, Gesang, Umgang mit der Natur und den Elementen etc.? Oder wird in der deutschen Gesellschaft generell Spiritualität nur mit Religion verbunden, nur mit Kirchen, Klöstern, Kreuzen und kalten Gebetsbänken? Heisst spirituelle Praxis ein Kirchenbesuch zu Ostern und einer zu Weihnachten? Was gab es vor Jesus, vor dem Christentum? Und was ist zum Beispiel aus den Einsichten und Visionen der deutschen bzw. westlichen Mystiker geworden? Hildegard von Bingen, Teresa von Avila, Meister Eckhart, Heinrich von Suso, Franz von Assisi u.v.m.

Meiner Ansicht nach gibt es in Deutschland keine selbstverständlich im Alltag integrierte spirituelle Lebenskultur, und daher auch keine dafür geschaffene Ausdrucksform. Warum? Weil der Schwerpunkt der Erziehung und Schulbildung meist immer noch auf der Entwicklung des linearen, analytischen, strategischen, intellektuellen Denkens im Hinblick auf die äußere, materielle Welt liegt. Und weil traditionelle Wissenschaften dem Menschen keine ganzheitliche Lebensweise zeigen und kaum jemand eine Ahnung von seiner multidimensionalen Anatomie hat. Etablierte Religionen sind von Dogmen und Überheblichkeit geprägt und die christliche Kirche, tendenziell dominiert von rationalem Denken und im Widerstand gegen intuitive, weibliche Kräfte, hat keine wirksame Orientierung zu bieten. Die christliche Mystik wurde verbannt. 

Was bleibt? Beispielsweise das Eigenstudium. Oder eine Ausrichtung zu den mystischen Schulen anderer Kulturen: Yoga (im Hinduismus), Sufismus (im Islam) oder die Kabbala (im Judentum).

Promemoria „Mystik“:
Der Ausdruck Mystik bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit, sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung. Religionsgeschichtlich versteht man unter Mystik eine Form religiösen Erlebens im Diesseits, das auf „ein Wirklichkeitsganzes“ oder auf eine Gotteswirklichkeit hin ausgerichtet ist. Mystik kann als eine Praxis verstanden werden, die auf Einswerdung (unio mystica) mit Gott zielt, die bereits im diesseitigen Leben teilweise erfahren werden soll.“ Q: Wikipedia

Andere Option: all das „Unerklärliche“ als esoterischen Unsinn und nicht beweisbares New Age Zeug abzutun (auch wenn zunehmend mehr „nachweisbar“ ist). Letztens stiess ich bei YouTube auf eine entsprechende Diskussionsrunde: Maischbergers „Übersinnliche Kräfte – Mysterium oder Mumpitz?“ Zwar von 2010, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sich in Deutschland seither das gesellschaftliche Bewusstsein in Bezug auf andere Dimensionen unserer Existenz (über 3D hinausgehend) grundlegend verändert hat.

Welch wohltuenden Kontrast ich dagegen in Indien erleben darf, wo mit spirituellen Themen, dem „Inner Engineering“ und Göttlichen selbstverständlich, offen und wertschätzend umgegangen wird. Ähnlich wie in Deutschland mit dem „Outer Engineering“ und Autos. 

Ein Beispiel: Mit der Sunday Times of India gibt es das Editorial Supplement „Speaking Tree“, das Spiritualität gewidmet ist und Themen wie Wissenschaft von Spiritualität, Gesundheit von Körper und Seele, Pilgerschaft, Mystik, Glauben, Rituale, Heilen und Yoga behandelt. (Wäre die Etablierung eines deutschen Pendants zu Speaking Tree, einer wöchentliche Beilage in der Welt oder Zeit, denkbar?)

speaking tree

Speaking Tree ist ansonsten eine Webseite mit Blogs, Diskussionsforen und Network-Plattform für Leser: http://www.speakingtree.in
Und auch ein e-paper:
speaking tree e paper

Und um einen der populären Kinofilme zu nennen, der sich mit Spiritualität auseinandersetzt. Smart, humorvoll, satirisch, erfrischend und religion-herausfordernd:  „OMG – Oh My God“.

Bei amazon auch als DVD mit englischem Untertitel:
OMG

Was weitere Medien betrifft: es gibt bspw. zig verschiedene spirituelle TV Sender in Indien, plus regionale Kanäle.

Natürlich heisst das nicht, dass in Indien alle erwacht und selbstrealisiert sind, und darum geht es auch nicht. Bemerkenswert ist einfach, dass es hier ein besonderes, spirituelles, die Seele nährendes Klima gibt, von denen der Westen viel lernen könnte. Indien hat nicht ohne Grund die meisten spirituellen Meister auf diesem Planeten hervorgebracht.

“Indien vibriert mit bestimmten Energiefeldern, die kein anderes Land für sich in Anspruch nehmen kann. (…) Ich reiste rund um die Welt und konnte den Unterschied feststellen. Vielleicht hat der östliche Genius auf seiner Jahrtausende währenden Suche nach der Seele eine gewisse Atmosphäre erzeugt. Wenn man im Osten meditiert, scheint es, als helfe alles mit: die Bäume, die Erde, die Luft. (…) Wenn ihr mit einer meditativen Gesinnung hierher kommt, werdet ihr damit in Berührung geraten. Wenn ihr bloß als Tourist herkommt, verpasst ihr es. (…) Wenn ihr meditiert und versucht, still zu werden, erlaubt ihr dem wirklichen Indien mit euch in Kontakt zu treten. Ihr könnt in diesem armen Land die Wahrheit auf eine Weise finden wie nirgendwo sonst.”   
Osho in Mein geliebtes Indien

world culture festival 2016

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