Asketisches oder Lebendiges Erwachen?

seaside dubai

Innere Stille des Erwachens

Zu diesem Artikel hat mich die „intensiv stille“ Innenwelt einer Handvoll mir nahestehender Frauen, die zwischen Europa und Asien verteilt leben, inspiriert. Diese Frauen haben über viele Jahre ihren Geist gereinigt (durch Sadhana und Heilarbeit) und befinden sich nun in einem Zustand neutraler innerer Stille.

Sie beschreiben es als innere Leere, ein introvertiertes Sein ohne Wünsche und Interessen, dabei dennoch wach und präsent, und mit der Natur verbunden. Sie sind in tiefer Ruhe, haben keine Impulse, etwas zu tun, keine Anhaftungen, keine Emotionen oder Gelüste. Sie fühlen sich von den gewöhnlichen Objekt-Subjekt-Trennungen und Gut-Schlecht-Bewertungen losgelöst, und haben null Resonanz mit den gängigen Identifikationsmodellen (weder den weltlichen, noch den spirituellen).

Konventionen und gesellschaftliche Lebensmuster lassen uns vielleicht denken, dass das sonderbar ist. Dass da womöglich etwas schief läuft. Die Damen müssen doch irgendwie ihr Leben nutzen, etwas aktiv anschieben und handeln, oder etwa nicht? Auch wenn ihr Befinden nicht ’normal‘ ist, so sind die Frauen selbst nicht beunruhigt. Denn dieses reine Zu-Frieden-Sein ist natürlich. Es ist ein tiefgreifender existenzieller Reifegrad – eine gnadenvolle Entfaltung, die weder von Willenskraft und Erdenken gespeist ist, noch mit Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit etwas zu tun hat. 

Die Frauen sind hoch geladen im Sinne von Energievibration und Wahrnehmungskraft, aber auf friedselige Weise. Von numinosen Flügeln der Existenz getragen. Sie fühlen sich unaufgeregt. Beobachtend. Bewusst und wohlwollend Raum haltend. Wie aufmerksame Hüterinnen.

Sie erleben ihre bewusste Innengewandtheit als Gegenpol zu all dem Aufruhr in der Aussenwelt. Auch sind sie wie Antennensysteme zur Verankerung von kosmischen Hochfrequenzen auf der Erde. (Sicher gibt es auch Männer, die das erfahren.)

Ja, wir können aktiv sein und unterschiedliche Gemütszustände haben, aber Präsenz, Gewahrsein und reines Bewusstsein bleiben konstant. Wir sind äusserlich involviert und innerlich frei und gelöst.

Der Westen hat für diese Seinszustände leider keine Begriffe (weil Seelenentfaltung und Selbstfindung in der Bevölkerung schlichtweg unterrepräsentiert sind), aber die hinduistische Kultur hat sie: Turiya bzw. Samadhi (es gibt verschiedene Stufen). Und die Buddhisten sprechen von Dharmakaya bzw. Shunyata. Aber besser ist es, sich nicht an diesen Konzepten und Definitionen festzubeissen, sondern den Kopf frei und den Verstand formbar zu halten. Diese inneren Verfassungen sind letztlich nur direkt erfahrbar, nicht intellektuell fassbar. 

Die Kehrseite der Medaille

Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, dass diese neutrale Leere eine wertvolle und wichtige Entwicklungsstufe, und sogar nährend, ist. Wenn dieses Lebensgefühl aber über zwei, drei oder noch mehr Jahre anhält, können Anspannungen und Zweifel an einem selbst und dem eingeschlagenen Weg aufkommen. Es ist dann so, als befände man sich in einem Niemandsland, in dem man nicht weiterkommt.

Als ich in einer Phase gewissen mentalen Unbehagens war und mir Sunyata beschrieben wurde, empfand ich grosse Erleichterung. Und ich konnte mich wieder voll dem Lebensfluss öffnen.

Mir wurde aber in diesem Erleben noch etwas anderes gezeigt: dass mich Prägungen aus dem Kollektiv und vergangenen Leben im Griff hatten, und zwar aus jenen Leben, in denen ich mit religiösen Lebensschulen verbunden war, die Erwachen und Erleuchtung tendenziell mit einer strengen, nihilistischen und asketischen Weltsicht versehen.

Das Glaubenssystem, das mich seinerzeit formte, hatte noch Restbestände in mein Unterbewusstsein verhakt. Es gab die Daten von Erwachen und Einssein in meinem System, aber es überwiegten nicht die Daten eines LEBENDIGEN Erwachens, sondern die eines asketischen Erwachens. Und so wurde mir klar, dass es um das komplette Loslösen von patriarchalen Strukturen geht, von Dogmen, die Enthaltsamkeit oder Verzicht glorifizieren

Neutrale Stille und innere Leere sind soweit ja ok, aber nicht wirklich glückselig machend. Und dabei ist es doch so, dass wir mit Begeisterung erst wirklich in die Kraft und Kreativität kommen. Der Zustand der Leere ist was er ist. Es gibt keine Anhaftungen oder Verstrickungen. Alles ist neutral und frei von emotionaler Ladung, aber in der Neutralität fühlen wir uns auch nicht inspiriert, schöpferisch und leidenschaftlich. Als stünden wir nicht voll im Leben.

Wer also über Jahre in Shunyata hängt, beherbergt möglicherweise alte Prägungen, die sein Vorankommen verhindern. Das Licht des Bewusstseins hilft dies aufzulösen.

Interessant ist die Feststellung, dass Religionen kaum daran interessiert scheinen, dass die gläubigen Anhänger in ihre volle Lebenspotenz aktivieren. Die weiblichen, intuitiven, vielfältig sprudelnden und wilden Kräfte der Existenz sind unterdrückt. Durch das bewusste Andocken an die göttliche Quelle ohne Mittelsmänner UND an die eigene individuelle Schöpferkraft, wäre die Rolle des treuen Schafes, das auf Erlösung durch Gott wartet, obsolet. Die Menschen wären wahrhaft ermächtigt und könnten sich von den Religionen lösen.

Im Buddhismus ist das Ziel aller spirituellen Übungen Nirvana und im Yoga (Hinduismus) ist es Moksha (oder Mukti/Jeevanmukti). Beide Begriffe meinen letztlich die Befreiung aus dem ewigen Zyklus von Tod und Wiedergeburt. Buddhisten beschreiben dabei die Befreiung mit einer Betonung auf die innere Leerheit (kein Leid und kein Glück; Freisein von aller Unruhe des Geistes), hingegen betonen Yogis die Triade von Wahrheit-Bewusstsein-Freude (Sat-Chit-Ananda). 

Buddhismus gibt sich mit dem Zustand von Turiya (Selbstrealisierung) zufrieden, die Leere des reinen Geistes durch Ich-Auflösung. Im Nirvana ist Leiden abwesend, aber auch die Glückseligkeit. Hinduismus hingegen geht darüberhinaus, mit Turiyatita (Selbstauflösung): die unbegrenzte Fülle des heiteren All-Einsseins. Wer das anhaftungslose Sein (Sat) übt und das Einheitsbewusstsein (Chit) verwirklicht, in dem entsteht von allein und durch Gnade die innere Glückseligkeit der Erleuchteten (Ananda). Wahrscheinlich müssen sich manche Menschen auf die eine Seite konzentrieren (Leere) und manche auf die andere Seite (Fülle), um den Zustand der Erleuchtung zu entzünden.

Aus meiner Sicht geht es um Alles. Leere und Fülle, Stille und Begeisterung, Neutralität und Bliss, Fokus und Expansion, Individualität und Oneness, Himmel und Erde, Bewusstsein und Kreativität, Shiva und Shakti – um diese Synergien dreht es sich. Und reines Bewusstsein ist letztlich nichts wert, wenn es nicht mit Liebe durchflutet ist. Mit guten Intentionen und Herzensbildung. Und das bedarf vor allem der Befreiung der Göttin, der göttlichen femininen Kräfte. Sich dem Bliss zu öffnen, ist der erste wichtige Schritt. Aber wie kann das gehen, wenn sich die neutrale Leere in uns breit gemacht hat?

Vielleicht passt ein Vergleich mit dem Ozean, der sich entsprechend der Gezeiten am Abend still zurückzieht, bevor er mit dem Sonnenaufgang Anlauf nimmt und wieder an Land brandet. Die erfüllende Leere gehört für mich zu einer Phase vor dem nächsten grossen Entwicklungsschritt. Leere ist der notwendige Raum, damit Dinge wachsen, sich bewegen und verändern können. Und bis es weitergeht, gibt es im Grunde nur wenig zu beachten:

  1. Akzeptieren was ist und dankbar das Gefühl von Vollständigkeit geniessen;
  2. Ablassen von blindem Aktionismus der Fortschritt erzwingen will, d.h. keine halbherzigen Entscheidungen treffen oder Dinge initiieren, die nicht von eigener Überzeugung motiviert sind;
  3. Verfeinern der Persönlichkeit – wirklich konfliktfrei und unkorrumpierbar sein;
  4. Erlauschen der kleinsten Signale von Freude in Dir. Achte genau auf positive Anziehung und geh mit dem was Dir gut tut. Der kleinste Funken Freude kann wegweisend sein.
  5. Gestalten von etwas Positivem und dabei die Existenz wirken lassen, d.h. wenn die Shaktikräfte nach kreativem Ausdruck drängen, bewusst die Impulse kanalisieren und zum Lebenszweck machen.

The self-realized individual does not perform any rituals or rites, nor chant mantras, discriminate against or for others, and is beyond the Turiya state of consciousness. In the Paramahamsa state, he is devoted to non-dualism, is always soul-driven, is Brahman and Om. T. M. P. Mahadevan

Bali wave

Statt asketischen Erwachens, LEBENDIGES Erwachen

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