FastFood-Spiritualität am Kailash

Ich bin gerade von meiner Pilgerschaft zum Mount Kailash und Manasarovar See zurückgekehrt. Tibet hatte mich quasi magnetisch angezogen und die Reise war wirklich eine lebensverändernde Erfahrung. In einer kleinen Gruppe von elf Personen aus verschiedenen Ländern, haben wir alle die traditionelle Kailash- Umschreitung zu Fuß absolviert, ohne Pferde und innerhalb von drei Tagen. Der schwierigste Teil war die Wanderung am zweiten Tag über den Dolma La Pass nordöstlich des Kailash auf einer Höhe von 5640m. Der steinige Pfad war steil, die Luft war dünn und wir wurden mit Windböen, Regen und Schnee konfrontiert. Aber vergiss das Wetter und die äusseren Umstände. Die wahre Herausforderung dabei war zu spüren, wie meine innere Welt geknetet wurde. Kailash dreht wirklich Dein Inneres nach Aussen. Er ermöglicht Dir, alte belastende Daten zu entlassen, und eröffnet neue Tore des Bewusstseins. Ich bin noch nicht bereit, in Worten zu fassen, wie tief Kailash und Manasarovar mich bewegt und verändert haben, auf allen Ebenen meines Seins. Aber worüber ich jetzt schreiben kann und möchte, ist die Realität des verrückten, unkontrollierten Tourismus rund um Kailash.

In Sachen Ausrüstung wird für die Parikrama (rituelle Umschreitung des heiligen Kailash als Zeichen der Ehrerbietung, auch Kora genannt) nicht viel benötigt. Angesichts des unwegsamen Geländes und des unberechenbaren Wetters sind gute Schuhe, eine warme Mütze, wasserdichte Handschuhe sowie eine Windjacke natürlich empfehlenswert. Viel wichtiger ist allerdings Deine Ausrichtung von Körper, Geist, Herz und Geist. Du musst körperlich und geistig fit sein (und Dir dann erlauben, Dich den wohlwollenden Kräften der Existenz hinzugeben).

Dein Körper muss für die Berghöhen und deren Hochfrequenzen bereit sein. Die Kailash-Region ist zusammen mit Manasarovar das Höchste – das stärkste Bewusstseinsportal auf dem Planeten. Wie können wir da unvorbereitet kommen? Dies sollte eigentlich der gesunde Menschenverstand vorgeben, aber offensichtlich gehen viele Reisende mit diesem Aspekt eher nachlässig um, oder ignorieren ihn vollständig. 

Der Grund für diesen Artikel ist folgender: Einige indische Gurus (und indische Reisebüros) fühlen sich offenbar berufen, Horden von Menschen zu diesem heiligen spirituellen Kraftort zu bringen. Die Gurus schaffen es, insbesonders große Gruppen von Indern zu motivieren, zum Mount Kailash zu reisen – von denen viele jedoch älter und nicht fit genug sind, um zu wandern, schon gar nicht in großen Höhen. Und so werden die Umwelt, die einheimischen Tiere und Menschen geschädigt. Aber vor allem ermutigen diese Gurus ihre Anhänger zu schummeln – sich selbst betrügen:

Laut dieser Gurus,

  • ist es in Ordnung und ‚ausreichend‘, nur die Nordwand des Kailash zu besuchen und dann zurückzukehren;
  • ist es ok, auf einem Pferd zu sitzen, wenn man den Kailash umkreist, anstatt die Kora zu Fuß zu machen;
  • ist es akzeptabel, große mehrstöckige Gästehäuser direkt vor dem Kailash zu bauen, in einer Landschaft, in der bis vor kurzem nur ein paar bescheidene Klöster errichtet wurden (leider konnte sich unser Guide nicht an den Namen des indischen Gurus erinnern, der hinter einer großen Konstruktion unterhalb der Milarepa-Höhle steht).

Im Gespräch mit Einheimischen und unserem tibetischen Reiseführer (im Laufe von 15 Jahren hat er 600 Koras um den Kailash gemacht!) und unter Anwendung von gesundem Menschenverstand, ist klar:

  • Die echte Kora beginnt und endet in Darchen und umfasst – natürlich! – alle Seiten bzw. „Gesichter“ von Kailash, nicht nur die Nordwand.
  • Ursprünglich wurden Pferde nicht zur Verfügung gestellt, um eine relativ komfortable Umrundung des Berges zu ermöglichen, sondern um im Notfall zu helfen und die eher zierlichen einheimischen Nomaden zu tragen, die ihren Körper in Harmonie mit dem Tier bewegen können. Übrigens sind Pferde nicht wirklich bequem, wenn man nicht reiten kann. Nahrung wird tendenziell von Yaks transportiert. Die Ponys kämpfen bereits beim Erklimmen des unebenen, rutschigen und felsigen Höhengeländes, ohne eine Person auf dem Rücken zu haben. Stell Dir die Herausforderung vor, während sie einen ungelenken, übergewichtigen Mann oder eine korpulente Frau tragen – es schadet wirklich den Körpern der Tiere.
  • Es ist schlichtweg unnötig, unüberlegt und unsensibel, inmitten dieses reinen, fast unberührten Landes einen Hotelkomplex zu platzieren. Es hat nichts mit erwachtem Bewusstsein und Nachhaltigkeit zu tun.

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Nun, einer dieser indischen Gurus ist Sadhguru Jaggi Vasudev. Sein Camp am Manasarovar See war nicht zu übersehen. Während die meisten seiner Gruppenaktivitäten innerhalb eines Gästehaus-Komplexes am See stattfanden, ist das, was außerhalb jener Mauern passierte, vergleichbar mit dem Pulsieren eines Vergnügungsparks: große Busse kommen und gehen, Gruppen von Menschen besetzen die Seeufer (in meditativer Stille), während andere Gruppen oder Einzelpersonen herumspazieren und plaudern, als seien sie bei einem Sonntagsspaziergang im Stadtpark – ohne sich bewusst zu sein, dass dies ein heiliger, öffentlicher Raum (und NICHT des Gurus Eigentum) ist und es noch andere Besucher gibt, welche die Heiligkeit und Besonderheit des Ortes erleben möchten.

Während der Vollmond über Manasarovar aufging, plärrten aus den Lautsprechern des Camps eine Reihe von Satsang-Aufnahmen. Ich saß zur Meditation am See und hatte mein Telefon nicht dabei, sonst hätte ich die Lärmbelästigung, die es bis spät am Abend gab, aufgezeichnet. Ein paar Stunden zuvor hatte ich mit ein paar Schülern von Sadhguru gesprochen und sie erzählten mir, dass er gerade vor einen Tag abgereist war. Wie schade. Ich wäre wahrscheinlich direkt zu seiner Bühne gegangen und hätte die Stecker aus seiner Anlage gezogen.

Obwohl die Unterkunft von Sadhgurus Gruppe in unmittelbarer Nähe zum See lag (weniger als 50m), sah das Team des Meisters offensichtlich die Notwendigkeit, direkt am Ufer zusätzliche Umkleideräume aufzubauen. Überquellende Mülltonnen und am Seestrand herumliegender Abfall, boten am nächsten Morgen einen weiteren traurigen Anblick.

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Bei allem Respekt für die allgemeine Weisheit, Eloquenz und Vision dieses Mannes (z.B. Rally for Rivers), das, was in Tibet im Namen einer noblen Sache geschieht, ist im Grunde eine grosse Geld-Maschine, die so viele Menschen wie möglich durch eine abgekürzte Pilgerschaft (Yatra) schleust, welche den ursprünglichen Pfad und die entsprechenden inneren Prozesse umgeht. Wir trafen Teilnehmer von Sadhgurus ‚Sacred Walk‘ in unserem Hotel auf dem Weg zurück nach Lhasa, und sie konnten kaum glauben, dass wir alle die Kora ohne Pferde geschafft hatten.

Leute wacht auf, Ihr betrügt Euch selbst! Es gibt weder einen schnellen Weg zur Erleuchtung, noch einen schnellen Weg nach Kailāśa. Mit einer abgekürzten Yatra, wie oben beschrieben, bekommst Du spirituelles Fast Food zum Preis eines Fünf-Gänge-Menüs. Du bekommst einen guru-gebrandeten Rucksack und eine Tasche, womit Du zuhause angeben kannst, aber tief in Dir wirst Du wissen, dass Du diese epische Reise nicht richtig gemacht hast. 

Sicher, es steht mir nicht zu, eine Beurteilung über den Effekt, den die Reise möglicherweise auf die Guru-Anhänger hatte, zu fällen. Zu bedenken ist dennoch, ob das potenzielle Quäntchen astraler Glückseligkeit im Verhältnis zu der verbrannten Erde steht, die hinterlassen wird. Nicht ohne Grund werden die großen Reisegruppen aus Indien von den Tibetern vor Ort mit schwerem Herzen beobachtet.

Das mag jetzt harsch klingen, aber es bringt nichts, um den heißen Brei herumzureden. Abkürzungen oder Pillen für spirituelle Erleuchtung gibt es nicht. Dein Guru sollte Dir das sagen. Und sei jetzt nicht verärgert über mich. Ich bin nur ein Bote, der das Offensichtliche aufzeigt.

Und was das Reisebüro im Mittleren Osten betrifft, das spezielle Gebetspunkte am Kailash als Marketingraum nutzt, um seine Werbebanner zu platzieren: diese Spots sind für die Gebetsfahnen der Menschen gedacht. Was Ihr macht, ist weder smart, noch witzig. Es ist absolut unpassend.

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Dunkelheit ist ein heikles Phänomen. Was als schnelle Lösung oder einfacher Weg um eine Herausforderung herum erscheint, verursacht meistens eine Gegenwirkung. Und es bedarf größerer Anstrengungen, die Folgen einer schlechten Entscheidung zu korrigieren, als den Weg der Integrität und des Lichts von vornherein gegangen zu sein.

Das Sanskrit-Wort „Manasarovar“ (मानसरोवर) ist eine Kombination aus zwei Sanskrit-Wörtern; „Mánas“ (मानस) bedeutet „Geist (alle mentalen Kräfte), Intelligenz, Verständnis, Wahrnehmung, Sinn, Gewissen“, während „sarovara“(सरोवर) „See oder großer Teich“ bedeutet. Manna (Hebräisch: ָ מָן‎ mān, Griechisch: μάννα; Arabisch: المَنّ‎, Persisch: گزانگبین‎), manchmal Mana geschrieben, bedeutet auch Nahrung vom Himmel und göttliche Versorgung. Denk daran, diese steht Dir auch ohne einen Guru zur Verfügung.

Kailash und Manasarovar liegen mir sehr am Herzen, und es war schmerzhaft, die Kommerzialisierung zu beobachten, die da vor sich geht. Obwohl es wichtig ist, unsere Energie nicht auf Dinge zu verschwenden, mit denen wir nicht in Resonanz sind, habe ich bemerkt, dass es richtig und notwendig sein kann, Dinge bewusst zu benennen, um einen Wandel einzuleiten, sofern es mit der richtigen Intention und Energie getan wird.

Natürlich ist es wichtig, und sicher inspirierender, das zu benennen, was brilliant und schön ist. Das werde ich auch tun. Zu einer anderen Zeit.

So oder so, meine Reise nach Tibet war eine wunderbare Erfahrung, die mich mit tiefer Dankbarkeit, Liebe und Freude erfüllt hat.

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