Mein Manasarovar, Tibet 2018

„Ihr habt fünfzehn Minuten! Dann fahren wir weiter.“, ruft unser Tour Guide durch den Bus als wir die Strasse am Manasarovar See entlang rollen und dann an der Seite zum Halten kommen. „Na, wer weiss.“, denke ich und steige aus.

Von Lhasa aus westwärts fahrend, haben wir in den vergangenen Tagen mehr als 1200 km im Tibetischen Hochplateau zurückgelegt. Unsere Gruppe von elf plus Reiseführer plus Fahrer ist auf dem Weg zum Mount Kailash (6638m) und der Plan ist, nach unserer Kailash Umrundung mehr Zeit am Manasarovar See (4590m) zu verbringen, nicht vorher. Für mich ist jedoch dieser Moment entscheidend, und heilig.

Es ist das erste Mal, dass ich am Lake Manasarovar bin, in diesem Leben jedenfalls. Die Landschaft ist großartig, die Luft berauschend. Ich laufe auf den See zu, in der Hoffnung, sein Ufer zu erreichen und das Wasser zu berühren. Meine Beine bewegen sich wie auf Autopilot und bringen mich immer näher an das kristallklare Wasser vor mir.

Manasarovar_prayerflags

Während meine Mitreisenden zurückbleiben, werde ich mir meiner Beziehung zu dem See bewusster. Es gibt eine magnetische Anziehung, die mit jedem Schritt stärker wird.

Ich laufe weiter, überzeugt davon, dass ich gleich nach dem nächsten Hügel am Seeufer sein werde. Aber, oh nein, es gibt eine weitere Anhebung! Was zum Greifen nah scheint, ist in Wirklichkeit noch weit entfernt – ein Phänomen, das ich später auch in der Umgebung von Kailash erleben werde. 

Mich umblickend, stelle ich fest, dass die anderen mittlerweile winzige Punkte geworden sind und der Bus schon nicht mehr in Sicht ist. Im Geiste, schicke ich eine Notiz an unseren Guide: Sorry, keinesfalls werden fünfzehn Minuten reichen.

Ich renne nicht, aber laufe zügig. Obwohl mein Fokus nach vorne gerichtet ist, bin ich voll präsent, im Hier und Jetzt. Es ist still um mich herum. Ich höre nur das leichte Knirschen unter meinen Füßen während ich die kiesige Savanne durchkreuze. Grau-braunes, karges Land mit nur wenigen Grasbüscheln. Weit entfernt, am Horizont, die schneebedeckten Gipfel des Gurla Mandhata-Plateaus (7694 m). 

Ich bin mir meines Atems bewusst, meines Herzschlags, meiner Wahrnehmung des Sees, seines Lichts und seiner Atmosphäre, während sich das, was hinter mir ist, auflöst. Ich fühle mich tatsächlich so, als würde ich alles zurücklassen, als ob mir mein äußeres irdisches Leben abgenommen würde. Eine parallele Welt öffnet sich. Ein riesiges, frisches, unberührtes, dennoch auch irgendwie vertrautes Wunderland. 

Tränen steigen auf. In mir gibt es eine spürbare Wiedererkennung von diesem Ort und seiner Schwingung. Mein Verstand versucht zu erfassen, was passiert, aber mein Sein ist bereits weit über die mentale Ebene hinaus. 

Ich staune, werde langsamer. Und plötzlich geben meine Beine nach. Im Bruchteil einer Sekunde sacke ich auf die Knie. Das Erleben hier haut mich einfach um. 

Ich knie auf dem Boden und weine leise. Fassungslos schaue ich Richtung Wasser und weiss, weiss einfach tief in mir, dass dieser See mein Portal nach Hause ist, mein Zugang in den Ozean höheren (Bewusst-)Seins. Ich fühle eine immense Erleichterung. Und nehme sogleich auch meine Sehnsucht, nach Hause zurückzukehren, wahr. Es ist fast überwältigend. Tränen fließen weiter. Dies ist mein Tor zu meiner Seelenfamilie, meiner Clique, und meiner göttlichen Quelle. Ich schluchze laut. Es geht gar nicht anders. Froh, dass nur ich da bin. Keine einzige Person in der Nähe, nicht einmal in Sichtweite.

Manasarovar_savannah

Trotz meiner entschlossenen Schritte, habe ich den See nicht erreicht. Dennoch bin ich nah genug, um einen Geschmack meiner Verbindung mit diesem Raum zu bekommen. Meine Atmung, mein Gehirn und mein Körper beruhigen sich.

Irgendwann stehe ich auf und gehe langsam weiter, geradeaus zum See. Er verändert seine Farben ziemlich schnell, von Smaragdtönen zu einer Palette von Blau. Wolken scheinen sich gleichermaßen rasch zu bewegen, und ihre Formen und Texturen auf der kobaltfarbenen Leinwand weiter oben zu verändern.

Mein System versucht, die Gesamtheit dieser unermessliche Landschaft zu erfassen. Meine Sinne und inneren Antennen scannen sowohl das Physische als auch das Nichtphysische. Und ich fühle unendliche Stille – eine Dimension der ewigen, reinen und kraftvollen Stille. Es ist einfach nur köstlich.

Nachdem ich einen weiteren Hügel überquert habe, steht plötzlich und unerwartet eine Gruppe wilder Pferde vor mir. Sahnecreme- und Karamell- farbene Schönheiten. Die Tiere weiden und schauen recht verdutzt auf, als ich erscheine. Aber anstatt wegzulaufen, Zeichen der Verteidigung oder Angst zu zeigen, bleiben sie ruhig und gelassen. Einige fressen weiter, während ein paar andere neugierig zu mir rüber gucken oder sich sogar etwas näher auf mich zu bewegen.

Manasarovar_wildhorses1

Diese Begegnung fühlt sich ganz besonders an, ätherisch. Wie ein Treffen himmlischer Wesen. Die Schönheit, Unschuld und Sanftheit der Tiere, sowie die absolute, reine Perfektion der Szene in diesem Moment, sind bewegend, und bezaubernd. 

Ich kann diesen herrlichen Augenblick nicht vorbeiziehen lassen, ohne Fotos aufzunehmen. Leider macht meine Kamera mit ihren Makrozoom- und Klickgeräuschen die Tiere nervös. Zuerst fängt nur ein halbes Dutzend an sich zu bewegen, dann galopiert die ganze Gruppe von vielleicht zwanzig Pferden davon. Sie lassen sich in der Ferne nieder. Nicht ohne zurückzuschauen und zu prüfen, was ich vorhabe.

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Ich beschließe, umzudrehen, habe aber mit einem Mal das starke Gefühl, mich auf den Boden legen zu müssen. An Ort und Stelle lege ich mich auf den Rücken und schaue in den Himmel. Bewusst atmend, und dann meine Augen schliessend. Ich lausche nach Innen und Aussen. Da ist sie wieder, diese reichhaltige Stille. Heilige Stille und Leere, und Gedankenstop. Und dabei gibt es eine energetische Großartigkeit, die unvergleichlich ist. Himmlisch. Ich expandiere und schmelze in diesen nährenden Energiepool hinein.

Gerade als ich von Dankbarkeit erfüllt bin, bekomme ich den Impuls, zum Bus zurück zu gehen, und so stehe ich auf. Ich fühle mich revitalisiert, gestärkt und irgendwie neu. Nicht aufgeregt, obwohl ich Freude verspüre. Es ist eher eine intensive Ruhe, oder wache Gelassenheit. Nicht wirklich in Worte fassbar.

Eine Ewigkeit scheint vergangen und auf dem Weg zurück, frage ich mich, ob der Bus wohl ohne mich abfahren würde. Dann sehe ich Sergei am Horizont, und andere aus der Gruppe. Er bewegt sich langsam auf mich zu. Ich habe den Eindruck, dass wir uns in einer zeit- und raumlosen Zone befinden. Welch großartige Gelegenheit, hier die Meditationseinführung zu machen, nach der er mich einige Tage zuvor gefragt hatte.

„Lass uns hier Platz nehmen“, sage ich. Er lächelt. Wir setzen uns auf die Erde. Ich gebe ihm eine kurze Anleitung zur Meditation, und falle in die Sprachlosigkeit. Dann erinnere ich mich, doch noch ein paar Dinge zu erklären. Ich verliere allerdings meine Gedanken. Die starken subtilen Kräfte um uns herum haben mich im Griff.

Als ich meine Augen öffne, erscheint das Wasser des Manasarovar Sees wie ein leuchtendes, lavaartiges Platinum-Plasma. Intensiv. Unbeschreiblich.

Manasarovar_platinumlight

Schweigend gehen wir zurück. Als wir unseren Bus erreichen, entschuldige ich mich für die Verspätung. Unser Reiseführer lacht. Ich lache auch. Alle sind spät!

Ich habe ich keine Ahnung, wie viel Zeit letztlich vergangen war, als wir vom Manasarovar See abfahren. Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, auf die Uhr zu schauen.

Unser Bus fährt nun in Richtung Darchen (4575m), wo wir übernachten und von wo aus wir am nächsten Morgen den Kailash Trek starten werden. Während der Fahrt lugt hinter einer Wolkendecke mehrmals Mount Kailash hervor, was uns hoch erfreut. Sogar ein Regenbogen ragt aus den ockerfarbenen Bergen und grasigen Hügeln hervor. Und Stunden später erwartet uns ein weiteres Geschenk von Mutter Natur: ein wunderschöner pfirsichrosa-farbener Sonnenuntergang vor unserem Gästehaus – ein vielversprechendes Zeichen für die bevorstehende Tour: die traditionelle, dreitägige Kora um den Kailash Berg. Gefolgt von einem weiteren, längeren Aufenthalt am Manasarovar See…

Kailash range_rainbow


Alle Bilder © Marina Wolny. Kopieren / Extrahieren nicht erlaubt.

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