Geduld in Zeiten des Umbruchs

Auch wenn sich vieles in meinem Leben turbobeschleunigt entwickelt hat, so kenne ich auch Stagnation, Nichtmehrweiterwissen und zähe Zeiten der Umorientierung. Das Leben geht irgendwie voran, aber ohne dass wir im Herzen von dem, was uns umgibt oder was wir tun, überzeugt sind. Wir wissen tief in uns, dass sich etwas verändern muss. Völlig unklar ist jedoch, was und wie. Das ist zuweilen zum Verzweifeln. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, geht es da nicht selten nur um einen Lebensbereich, sondern gleich um alle – Beruf, Berufung, Selbstausdruck, Spiritualität, Partnerschaft und Gesundheit. Es geht um die Totalität unseres Seins. 

Die gute Nachricht ist: Wenn wir spüren, dass etwas Neues ansteht, sind wir bereits mitten im Veränderungsprozess. Wenngleich auch noch ohne Ahnung, wohin er uns führt.

Aus Erfahrung weiss ich, dass es in diesen Phasen meist nicht notwendigerweise um ein radikales Loslassen von Dingen, Umständen oder Menschen in unserem Leben geht, auch wenn wir am liebsten alles hinwerfen und wegrennen möchten. Es geht vielmehr um eine Transformation mitten im weltlichen Geflecht seiend – also im Zusammenspiel mit Ehepartner, Familie und anderen Verpflichtungen. 

Und so ist das stille Simmern im Lebenskochtopf mit Zuversicht und Würde zu meistern, unser Keimen, wie eine Blumenzwiebel im dunklen Erdreich, auszuhalten. Bis deutlich ist, wie es weitergeht, was blühen und was neu geboren werden möchte.

Natürlich kann es auch eine herausfordernde Zeit für alle Nahestehenden sein. Zum einen haben sie ihre eigenen Erwartungen, Bedürfnisse und Geschichten, zum anderen werden sie merken, dass ihre Empfehlungen und gut gemeinten Ratschläge auf null Resonanz bei uns stossen. 

Eventuell hoffen wir, dass uns DIE (Er-)Lösung erscheint. Unser Verstand tendiert dann dazu, unsere ausserhalb von uns liegenden Möglichkeiten abzutasten, auf Umsetzbarkeit und Richtung Zukunft zu scannen. Es geht jetzt jedoch darum, unseren inneren Raum zu beobachten, uns selbst zu spüren, und uns dabei schrittweise, achtsam und lauschend zu bewegen.

Meine Empfehlungen für die Umbruchszeit:

  1. Ball flach halten, so wenig Schaden wie möglich anrichten, keine wichtigen Entscheidungen in einem diffusen Zustand, in Eile oder unter Druck treffen, besser Abwarten bis das Herz klar ist. Nichts führt an dem inneren Reifeprozess vorbei. Vermeidungsstrategien, neue Ablenkungen oder altbekannte Aktivitäten erscheinen meist eh bedeutungslos. Jeglicher Input perlt ab, nichts haftet.
  2. Ungewissheit annehmen. Denn sie lässt uns offen sein. Im unserem Bedürfnis nach Resonanz und Orientierung, öffnen und verfeinern wir bewusst und unterbewusst unsere Wahrnehmung. Unsere Antennen sind dabei auf Empfangsbereitschaft gestellt und ermöglichen so neue Gelegenheiten, Begegnungen und Impulse. 
  3. Klarheit erlauben. Sie wird sich durch Dich in Dir zeigen. Klarheit kann nicht diskutiert werden, sondern muss sich entfalten. Wir können dabei beobachten und fühlen – und sich alles mit unseren besten Absichten entwickeln lassen. So wird sich die beste, für alle Beteiligten am vorteilhaftesten, am wenigsten schmerzhafte Lösung offenbaren. Je mehr Klarheit im Herzen, desto weniger verbrannte Erde. 
  4. Alleinzeit ermöglichen. Ein mehrwöchiges Retreat in der Natur des Heimatlandes oder an einem Kraftort im Ausland – ohne Partner, Haustier, Berufs- und Alltagspflichten – kann dazu beitragen, wichtige Einsichten zu bekommen. Alleinsein (All-eins-sein) in Stille und in der Natur schenkt uns Kraft und Halt. Ein ‚Kontemplationsurlaub‘ ist aber meist keine Endlösung. Denn diese Lebensphase ist ja eben genau das: ungewiss, auch was ihre Dauer betrifft. 
  5. Freudvolles erlauschen. Unsere natürliche Verlangsamung in der Umbruchszeit, lädt ein, uns bewusst nach innen zu wenden. Und auf diese Weise in uns selbst zu erkennen, was getan werden möchte. Wann auch immer die Energien von Freude, Neugier und Interesse aufflackern, nimm sie als wichtiges Signal. Geh diesen Lichtfunken nach, mit offenem Geist und wachem Spürbewusstsein. Denn es ist tatsächlich dieser positive Energiestrom, der uns Orientierung gibt und in die richtige Richtung leitet.

„Und dann gilt es zu sehen, dass man nie weiß, wie lange Umbruchszeiten oder Zeiten der umfassenden Neuorientierung brauchen. Und dass sie oft über mehrere Jahre gehen, das weiss man (ich) auch. Und die Antworten auf die neue Richtung und das, was wohl im Schwange sein mag, kommen nicht von anderen Menschen, die es vielleicht vor Dir wissen oder gar ‚besser‘ wissen, weil sie angeblich weiter sehen können als Du. Mit den wichtigen Dingen im Leben, oder mit den wichtigen Entscheidungen, ist man meistens ganz auf sich gestellt, quasi alleine damit. Und das ist insofern wichtig, als man damit auch die volle Verantwortung tragen und an niemandem abgeben kann und muss (anders, als in der Kindheit). Also, ist es die GEDULD (Essenz der Liebe im Übrigen), die gerade von Dir in erster Linie verlangt wird?“
– Doris Lessing-Schneider 

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Foto: eigenes Archiv, Lake Manasarovar, Tibet 2018

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