Lieblinge ‚Made in India’_Teil 1

Viele Jahre in Indien lebend, gibt es mittlerweile eine grosse Anzahl von Dingen, die ich liebe und schon fast gar nicht mehr als typisch indisch wahrnehme, da sie so in meinem Alltag integriert sind.

Über die kommenden Wochen werde ich Dir meine Favoriten und die nicht mehr wegzudenkenden indischen Spezialitäten vorstellen. Das Spektrum umfasst Nahrungsmittel, Gesundheitstipps, spirituelle Tradition, Dinge des Alltags, künstlerische Kultur, sowie Verhaltensweisen und andere Eigentümlichkeiten. 

Hier meine ersten fünf Lieblinge Made in India

Blumenofferten

Ob Tagetes-Girlande und Segnung zu Beginn einer Pilerreise, eine feine Jasminblütenkette für den Haarzopf, Blüten auf privaten Hausaltaren oder in weiten Schalen an Eingangstüren, üppige Dekoration bei Hochzeitszeremonien, Blumen beim Puja-Ritual zur Ehrerweisung von Gottheiten zu Beginn eines Hausbaus oder bei einer Büroeröffnung, der grosszügige Einsatz von Blüten und Blättern im indischen Alltag, sowie zu besonderen Anlässen hat nicht nur Tradition, sondern auch spirituelle Bedeutung. Abgesehen von der aromatischen Farbpracht und ästhetischen Heilwirkung, ist ‘Pushpanjali’  – der Akt der Blumenofferte an Götter – eben auch eine Geste von bhāva, der Hingabe, mit dem Wissen, dass es eine kosmische Intelligenz gibt, die grösser ist als wir Menschen.
Die Düfte frischer Blüten und anderer Aromastoffe haben die Eigenschaft, die Atmosphäre eines Raumes oder Platzes zu erfrischen, mit positiven Schwingungen und feierlicher, ja „himmlischer“ Stimmung aufzuladen.

So wie wir bestimmte Farben, Blumen und Düfte bevorzugen, haben auch die Götter unterschiedliche Favoriten. Und entsprechend der Gottheiten, die wir anrufen und um Unterstützung bitten, kann unsere Offerte aussehen: Tagetes / Marigold, Rosen, Hibiscus, Tulsi, Bel-oder Mango-Blätter, Jasmin, Lotus, Kokosnuss, Obst, Saaten… In den alten Schriften werden ‚korrekter‘ Pflanzentypus und sogar die Anzahl der Blüten oder Blätter definiert. 

Zehenringe

Neben den klassischen Schmuckstücken wie Armreifen, Ohrringe, Nasenstecker, Hals- und Fussketten, gibt es in Indien für verheiratete Frauen auch traditionelle Zehenringe (Hindi: Bichiya). Meist aus Silber, und am zweiten und dritten Zeh beider Füsse zu tragen. Zehenringe sind DAS Symbol verheirateter Frauen, und sie wurden schon in dem antiken Epos ‚Ramayana‘ beschrieben (im Fall von Sita, die ihre Ringe als Wegschnitzel warf, um ihrem Mann Rama zu helfen, sie zu finden, als der Dämonenkönig Ravan sie entführte).
Viele sehen den Vorteil von Zehenringen darin, dass sie für die Gesundheit, vor allem für das reproduktive Wohlbefinden, der Frau förderlich sind, da sie sanften Druck auf bestimmte Reflexzonen des Fusses ausüben. Ich habe Reflexologie gelernt, und zwischen grossem Zeh und zweitem Zeh liegt der Halspunkt, was nahelegt, dass der „erste“ Ring die Thymusdrüse stimuliert. Desweiteren liegen die Punkte der Zirbeldrüse und Hypophyse im grossen Zeh, der auch unter Einfluss des ersten Ringes steht.
Ein weiteres Argument lautet, dass Silber ein guter Energieleiter ist und die Ringe positive Energie der Erde auf den Körper der Frau übertragen, und so den Prana-Fluss (die essenzielle Lebenskraft) unterstützen.
Zwei Ringe pro Fuss symbolisieren übrigens sowohl die Verbindung zum Ehemann als auch die zum Bruder.
Von westlichen Frauen werde ich ab und zu gefragt „Ist das denn bequem?“ Ja, denn die meiste Zeit des Jahres tragen wir hier Sandalen, laufen also quasi barfuss. Aber im Winter, mit geschlossenen Schuhe, können Zehenringe in der Tat unangenehm drücken. Und so gibt es in der kalten Saison dann eine schmalere Ring-Variante.

Tulsi

Eins meiner absoluten Lieblingskräuter ist Tulsi (Sanskrit: tulasī, Lateinisch: ocimum tenuiflorum) und es ist mir eine Freude, Tulsi überall bei uns im Garten spriessen zu sehen. Ich liebe sein stimmungsaufhellendes Aroma und seine heilsame Kraft (bei grippalen Infekten zum Beispiel). Zudem ist gekühlter, leicht gesüsster Tulsi-Tee herrlich erfrischend in den indischen Sommer- und Monsoonmonaten. Tulsi wird auch heiliges Basilikum genannt und ist wohl die königlichste Pflanze Indiens. Und sie gilt tatsächlich als Göttin! Tulsi ist Symbol spiritueller Reinheit und hat eine sanft-heilende dennoch hochpotente Energie, zum Schutz und zur Stärkung des Menschen. So steht sie nicht nur in prominenter Position in vielen Hauseingängen, sondern auch in den meisten Tempelanlagen Indiens. Insbesondere Yogis lieben den Effekt des heiligen Basilikums auf das Nervensystem und bioenergetische Feld. Es heisst Tulsi erhöhe die Schwingung und harmonisiere die subtilen elektromagnetischen Felder unseres Körpersystems.
Tulsi wird auch in der traditionellen Ayurveda Praxis als Lebenselixir zum Ausgleich der Doshas eingesetzt (in Form von Tee, Syrup, Öl, Saft oder Paste). Tulsi ist ein natürliches Antibiotikum und wirkt antibakteriell, entzündungshemmend, krampflösend, magenstärkend, reinigend, zellschützend, antioxidativ, auswurffördernd und nervenstärkend, bspw. bei Fieber, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, psychischen Spannungen, Hautproblemen, Bronchitis, Diabetes, hormonellem Ungleichgewicht und Magen-Darm Problemen. Nicht zuletzt werden aus dem Holz der Tulsipflanze die Perlen für Japa Malas gemacht werden (Malas sind Gebetsketten).

Metallcontainer

Kupfer, Messing, Edelstahl, Silber. Kleine Schälchen, grosse Schalen, Teller, Vasen, Kannen und Dosen. Und der Klassiker: die multi-level Tiffin Lunchbox. Was es in Indien alles an Metall-Behältern gibt, kann sich kein Aussenstehender vorstellen. Das muss man wirklich erlebt haben. Die Wichtigkeit und die Effekte verschiedener Metalle sind ja sowohl in der Yoga-Wissenschaft, als auch in der ayurvedischen Heilkunde bekannt. Im Alltag heisst das zum Beispiel, dass Kupferkaraffen und -tassen zum Aufbewahren bzw. Trinken von Wasser genutzt werden. Oder dass das heilige Ganga-Wasser für Tempelrituale in Messing-Vasen abgefüllt wird. Und klar, die Metallbehältnisse sind auch eine optimale Alternative zu Plastikdosen. Es hat mich allerdings eine Weile gebraucht bis ich als porzellan- oder keramikgewöhnte Westlerin, das praktische indische Metallgeschirr zu schätzen wusste. War es mir zu Beginn einfach habtisch zu kalt, eben metallisch. Mittlerweile mag ich die simplen, robusten, hygienischen und langlebigen Container. Ob jene zum Transport von Essen mit umklappbaren Griffen, die Gewürzbox oder der tablettartige Thali-Teller mit vielen Schüsselchen oder die kleine Milchkanne mit Henkel, in der unser Nachbar uns jeden Morgen frische Milch von seiner Kuh bringt. 

Floral-ornamentale Dekoration

Geometrische Muster und ornamentale Verzierungen gibt es überall in Indien. In der Architektur, im Verpackungsdesign, beim Textildruck, Möbeldesign, den Stickereien, und natürlich in der Mehendi- / Henna- und Schmuckgestaltung. Sicherlich spielen islamische Einflüsse eine Rolle (muslimische Moghulkunst, Kalligraphie, Arabesken etc), dennoch sind Ornamente und geometrische Designs stark ausgeprägt und ein essenzieller, eigenständiger Aspekt der indischen Kunst und Kultur. Ob floral anmutende Rosetten, abstrakte Elemente, die sich um eine oder mehrere Drehachsen anordnen, mandalaartige Tiefenebenen, konkretere Formen wie Blumen oder Symbole aus der Tier- und Pflanzenwelt (Pfauenauge, Lotusblüte) oder hochdelikate Details, für mich ist diese Dekor-Welt ein wundervoller Kontrast zum tendenziell linearen, rationalen Designstil in Deutschland. Die Perspektiven und visuell grenzenlos erscheinenden Räume, welche durch sich wiederholende Elementanordnungen entstehen können, sind eine faszinierende Art, um die unendliche Kreativität und Omnipräsenz der höchstgöttlichen Lebenskraft (und ihre wundervollen Orchestrierungen) darzustellen.
Unbedingt zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch das mystische Sri Yantra, was sicher zu den ältesten und bedeutungsvollsten Manifestationen heiliger Muster gehört, und Einklang und Multidimensionalität unserer Existenz repräsentiert.

Fotos: eigenes Archiv, © Marina
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