Konsequenzen für Copycats

Die Hemmschwelle etwas zu kopieren und als eigene Leistung auszugeben, scheint enorm gesunken. Mehr denn je werden Ideen, Informationen und Initiativen unverhohlen kopiert, vermischt und wieder herausgegeben. Dies ist sicher der schnellen Verfügbarkeit und instanten Verbreitung durch digitale Medien geschuldet. Aber mangelnde Eigenaktivität und fehlende Anerkennung der Person, die den verwendeten Inhalt erstellt hat, reflektieren auch Mangel an Dankbarkeit, Respekt und Fairness. Der Weg der guten Absichten ist oft mit Missverständnissen gepflastert. Und es ist möglich, dass mangelndes Gewahrsein über die Konsequenzen für einen Nachahmer sehr weit verbreitet ist. Während in akademischen Kreisen literarische Nachahmung und Diebstahl geistigen Eigentums illegal sind, birgt das Klonen im Bereich Spiritualität sogar Gefahren für die persönliche Entwicklung.

Ob beim Schreiben eines Buches, Artikels, einer Studien- oder Diplomarbeit, eines gehört bekanntlich zu den unbedingten To Do’s: die Literatur- und Quellenangaben. Aussagen müssen nachprüfbar und Zitate als solche erkennbar sein. Dabei umfasst wissenschaftliches Zitieren sowohl wörtliche als auch sinngemäße Übernahmen. Es ist klar erkennbar zu machen, was unser eigener Gedankengang ist, und was nicht.

Leider ist die wissenschaftliche Seriosität bei Internetquellen nicht immer im gleichen Maße gegeben wie bei Printquellen, hinter denen häufig wissenschaftliche Fachzeitschriften oder Fachverlage stehen (Q: studi-lektor.de). Onlineveröffentlichungen sind relativ schnell gemacht und haben daher auch den Ruf unfundiert zu sein. 

Warum Literatur- und Quellenangaben anzugeben sind:
  1. Um die Vorleistung und Arbeit anderer, den eigenen Mentor oder Pioniere in bestimmten Bereichen zu würdigen;
  2. Um zu erklären, woher die eigene Arbeit und Inspiration entspringt, sowie die Vertrauenswürdigkeit hinter der Veröffentlichung zu signalisieren;
  3. Um die Verbreitung von Fehlinformationen / Missverständnissen zu vermeiden;
  4. Um Anregungen für weitere Nachforschungen zu geben;
  5. Um die eigene Arbeit bedeutungsvoll erscheinen zu lassen;
Ähnlich verhält es sich im Bereich von Design, Kunst, Fotografie, Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsideen:

Ich erinnere noch gut, was mir vor Jahren ein Ex-Kollege erzählte: er hätte vor seiner Kündigung in der Agentur, in der wir zuvor gemeinsam arbeiteten, sämtliche Daten vom Firmenserver kopiert, wäre nun im Besitz hilfreicher Informationen und sei damit gut aufgestellt, um in die Selbstständigkeit zu gehen. Nun, ich hab keine Ahnung was aus ihm geworden ist.

Auch wenn keine absolut sichere Strategie existiert, um Missbrauch und Ideenklau zu vermeiden, gibt es das Urhebergesetz, nachdem der Urheber das ausschließliche Vervielfältigungsecht besitzt. Zudem gibt es noch das Patentgesetz und das Markengesetz, sowie die Möglichkeit Ideenschutz- und Geheimhaltungsvereinbarungen zu treffen (Q: designmadeingermany.com). Aber was sind solche Vereinbarungen wert, wenn sich die Vertragsparteien nicht daran halten? Wo es innerlich keine Integrität gibt, nützen oft auch keine „Integritätsverträge zu Erinnerung“.

Warum Nachmachen keine gute Idee ist:
  1. Weil eine Kopie eben nicht das Original ist, und auch nicht sein kann. Denn der Schöpfer hat sich üblicherweise intensiv und lange mit der Materie auseinandergesetzt, Hürden überwunden und mit beträchtlicher Mühe seine Arbeit feingeschliffen. Das Original trägt seine energetische und stilistische Signatur. So sind Kopien tendenziell von minderer Qualität und mangelnder Tiefe.
  2. Weil eine Kopie oft billiger ist und somit die Wertschöpfung des Originals reduziert.
  3. Zudem verstösst Kopieren gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, gegen Copyright und Markenrecht.
  4. Weil Nachmachen die Motivation, etwas eigenes und einzigartiges aus sich selbst heraus zu schöpfen, reduziert. Kopieren unterminiert die eigene Intelligenz, Wirksamkeit, kreative Schöpferkraft und Expansion (im Sinne von Fortschritt). Nivelliert somit das geistige Niveau des Individuums, aber auch der Gesellschaft, nach unten.
  5. Der Versuch, mit der Arbeit oder dem Produkt anderer Erfolg zu haben und Geld zu verdienen, ist grundsätzlich Diebstahl und Betrug. Vor allem betrügt sich der Nachahmer selbst, und beraubt sich der Möglichkeit, selbst ein innovativer Kanal zu sein.
Aber was hat das alles mit Selbstheilung, Bewusstseinspraktik und Yoga zu tun? Eine ganze Menge. Denn gerade im Bereich von Spiritualität und Heilarbeit wurde noch nie soviel gekapert und reproduziert wie zur Zeit. Seminare, Workshops, Biografien, Anweisungen, Einsichten, Diagramme, Lehren und Methoden, nichts ist vor Nachahmung sicher. 

Copy & Paste scheint die Methode der Wahl, um sich wissend und weise darzustellen. Ein Schnipsel von hier, ein paar Zutaten von dort, alles kurz aufmischen, mit ein paar eigenen Ideen würzen, und schon steht das beeindruckende Profil des Yogalehrers, Gurus, Geistheilers oder Therapeuten. Versehentlich oder ganz bewusst werden Quellenangabe vergessen. Die eigenen Lehrern, Mentoren und deren Modalitäten zu benennen, kommt nur wenigen in den Sinn. 

Warum ist das ein Problem? Weil unlauter übernommene Methoden oder geklautes Material wie aus einem Ganzen herausgerissene Puzzleteile sind. Es fehlen sowohl Knowhow und Kontext ihrer Original-Erschaffung, als auch die konkreten leibhaftigen Erfahrungen und Erkenntnisse in der Entwicklung durch den Schöpfer. Die Glaubwürdigkeit des Kopierers geht den Bach runter, auch wenn es kein anderer weiss oder merkt, und es womöglich sogar Anerkennung für den fremden Federschmuck gibt. Denn auf geistiger und seelischer Ebene bleibt nichts verborgen.

Aber nicht nur das. Auch die spirituelle Entwicklung des Nachahmers wird eingeschränkt, da er im wahrsten Sinne des Wortes ausser sich ist: er macht sich die Erfahrungen und Arbeiten anderer zu eigen, anstatt selbst nach innen zu schauen und das was für ihn wesentlich ist, aus sich selbst zu generieren. Das könnte man Bequemlichkeit nennen, oder auch ganz direkt Diebstahl bzw. Korruption.

Sicher, im absoluten Sinne gibt es kein Copyright auf Bewusstsein, es steht allen frei, es zu erleben. Aber genau dieses Erleben ist ja persönlich und individuell unterschiedlich. Unsere spirituellen Erfahrungen, geistigen Entfaltungen und Einsichten sind einzigartig und somit auch nicht kopierbar. Und wenn jemand dann doch die Erkenntnisse und Methoden, die sich ein anderer aus eigenem Bemühen und mit Disziplin erarbeitet und durch Gnade empfangen hat, übernimmt und als sein Eigen verkauft, ist es betrügerisch und sogar gefährlich. Denn die Kopierkatze nimmt nicht nur eine Authoritätsrolle ein, die ihr nicht zusteht, sondern tut dies auch, ohne das Gesamtbild, die genauen Hintergründe und Zusammenhänge (und bei bestimmten Modalitäten, auch die Risiken) zu kennen. Der Trittbrettfahrer verbreitet so Halbwahrheiten. Egal ob er sich damit einen Namen macht oder nicht. Und je mehr er von anderen abschöpft, desto zerstreuter und fragmentierter wird er. Und: desto grösser wird das eh schon verwirrende und zur Völlerei verleitende esoterische Labyrinth auf dem Marktplatz.

Unbestreitbar gibt es Menschen, die über den Planeten verteilt sind und ähnliche Erfahrungen und überlappende Erkenntnisse haben. Aber das ist ein ganz anderes Szenario.

„Eine gewisse Weisheit kann angelesen sein. Wahre Weisheit hingegen kann immer nur aus dem eigenen Erleben kommen.“
– Marina Wolny-Kumar

Spirituelle Einweihungen durch einen Meister, auch Initiationen genannt, markieren typischerweise einen neuen Lebensabschnitt und Bewusstseinswandel. Sie haben dabei auch den Zweck, mögliche Verfälschungen oder Verdrehungen einer Lehre zu vermeiden, und die Reinheit einer Tradition oder Methode zu bewahren. Beispielsweise gibt es in der Kriya Yoga Tradition strikte Übertragungsrituale (bspw. die Shaktipat Initiation). Ähnliches gilt für die Juna Akhada, der grösste Sadhu Orden Indiens, dessen Einweihungen meist während der Kumbh Mela stattfinden.

Während die Initiation ein energetischer Prozess zur seelischen Reinigung und Erhellung ist, geht es meist auch um konkrete Übertragungen von Informationen und geheim gehaltenem Wissen (geheim, um Missbrauch vorzubeugen).

Eine spirituelle Transmission findet statt, wenn wir körperlich, mental, emotional und seelisch soweit sind, den nächsten Schritt unserer Entwicklung zu gehen. Wir  müssen reif sein, und auch bereit, die Verantwortung für das was uns übertragen wird, zu tragen. Und so geschieht eine spirituelle Einweihung meist auch nicht, wenn wir es wollen, sondern wenn wir dazu von unserem Meister oder Mentoren, der einschätzen kann, ob wir bereit sind oder nicht, eingeladen werden.

Wer sich spirituelle Techniken oder Heilmethoden auf gut Glück zu eigen macht, bekommt unvollständige Versionen des Originals. Niemals werden alle Zutaten, Schritte, Kniffe oder auch Vorsichtsmassnahmen, öffentlich und einfach so zur Verfügung stehen. Daher ist das Kopieren immer mit einem Defekt verbunden. Zum einen weil die Verbindung oberflächlich bleibt weil Informationen fehlen, zum anderen aufgrund des Mangels an Integrität seitens des Nachmachers. Das ursprüngliche Material wird überschrieben und untergraben. Die Verbindung zum ursprünglichen Kanal verwischt, invertiert oder ganz ausgelöscht.

Mit Integrität, Selbstwirksamkeit und Kreativität hat das nichts zu tun. Dies ist um so bedauerlicher, da jeder von uns mit einzigartigen Geschenken und Talenten, die ins Leben gebracht werden möchten, ausgestattet ist. Aber um diesen Fähigkeiten auf die Spur zu kommen, bedarf es, dass sich jemand seiner Selbst-Realisierung widmet, der Reise ins eigene Innere. 

Archibald Thorburn, Peacock and Peacock Butterfly

Jeder hat einzigartige Qualitäten und Geschenke beizutragen

Sich mit eigenen oder fremden Federn schmücken… Bild oben: Illustration ‚The Vain Jackdaw‘ von Gallaher Fables And Their Morals 71 The Vain Jackdaw Cigarette Card (CC6), Bild unten: Gemälde ‚Pfau und Pfauenauge Schmetterling‘ von Archibald Thorburn (1860 – 1935)

 

 

 

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