Während nicht-dualistische Lehren die Einheit aller und die transzendente Natur der Realität betonen, kann es zu „spiritueller Vermeidung“ kommen – im Englischen Spiritual Bypassing –, wenn wir diese Philosophien nutzen, um den Herausforderungen und Komplexitäten unseres persönlichen Lebens zu entkommen.
Spirituelle Konzepte können zu einem Mittel werden, um ungelösten emotionalen Problemen, psychischen Wunden und unvollendeten Entwicklungsaufgaben aus dem Weg zu gehen, was gern mit „Ich bin größer als meine Geschichte“ und „Alles ist eh Illusion“ gerechtfertigt wird.
John Welwood, der den Begriff „spirituelles Bypassing“ geprägt hat, erklärt: „Wenn wir in einer spirituellen Umgehung sind, verwenden wir oft das Ziel des Erwachens oder der Befreiung, um das zu rationalisieren, was ich vorzeitige Transzendenz nenne: den Versuch, uns über die rohe und chaotische Seite unseres Menschseins zu erheben, bevor wir uns voll und ganz damit auseinandergesetzt und Frieden damit geschlossen haben. Und dann neigen wir dazu, die absolute Wahrheit zu nutzen, um relative menschliche Bedürfnisse, Gefühle, psychologische Probleme, Beziehungsschwierigkeiten und Entwicklungsdefizite herabzusetzen oder abzutun.“
Diejenigen, die für eine Realitätsprüfung offen sind, erfahren hier, wie sich Spiritual Bypassing im non-dualen Ansatz (Satsang-Kultur) oder auch einigen New-Age-Lehren manifestieren kann:
- Leugnung persönlicher Probleme: Wer persönliche Probleme herunterspielt oder leugnet, indem spirituelle Konzepte wie „Alles ist eins“, „Es gibt kein Selbst“ oder „Wir sind größer als unsere Geschichte“ verwendet werden, um die Bedeutung der Bewältigung von emotionalen und psychologischen Herausforderungen, Angstzuständen, Depression oder die wichtige Genesung von narzisstischem Missbrauch, abzutun.
- Überdosis Positivität: Es kommt häufig vor, dass die Aufrechterhaltung einer positiven, distanzierten Haltung überbetont wird („Nichtanhaftung“) und die Anerkennung und Verarbeitung dessen, was als „negative“ Emotionen und unsichtbare „negative“ Phänomene (wie Entitätenbesetzung und hyperdimensionale Störungen) erscheint, vermieden wird. Die Vorstellung, dass letztendlich „alles perfekt ist wie es ist“, kann dazu genutzt werden, zu unterdrücken, was wirklich im eigenen Leben vor sich geht, und zu glauben, dass die Konzentration auf Positivität der Schlüssel für spirituelle Entwicklung ist.
- Konfliktvermeidung: Der Glaube, dass „Trennung eine Illusion ist“, kann dazu führen, dass wichtige Konfrontationen oder schwierige Gespräche vermieden werden. Vermeidung wird mit der Behauptung gerechtfertigt, Konflikte seien „Maya“, bloße Illusionen, während Harmonie und „Licht und Liebe“ die ultimative Realität darstellen. Die Wahrheit ist, dass so die Chance auf echte Lösungen und Wachstum verpasst wird. Und natürlich bleiben Konflikte weiter bestehen. Unterdrückt und mit übersüßer Freundlichkeit überzogen (so tun, als wäre nichts geschehen), schwelen sie als Resentment und Groll im Hintergrund. Emotionale Explosivität, Gereiztheit, Wut oder Zynismus, die in keinem Verhältnis zu einem situativen Auslöser stehen, sind oft Anzeichen eines verdrängten Konflikts.
- Aufhebung persönlicher Grenzen: Typisch ist auch, persönliche Grenzen zu missachten, da „alles miteinander verbunden ist“. Dies kann zu einem Mangel an Unterscheidungsvermögen und Urteilskraft nicht nur in Beziehungen, sondern auch in spirituellen Angelegenheiten führen, mit suboptimalen Entscheidungen und der Unfähigkeit, sich bei Bedarf durchzusetzen. Folgen sind, in das Privatleben anderer einzudringen, in der Annahme, dass Grenzen illusorische Hindernisse seien, die es im Streben nach spiritueller Einheit zu überwinden gilt, oder selbst Opfer von Missbrauch zu werden, weil es an gesunden Grenzen mangelt. Sei es in intimen Beziehungen oder auch spirituellen Gemeinschaften mit einem Räuber-Guru.
- Abhängigkeit von spirituellen Praktiken: Jemand, der ein tiefes emotionales Trauma in sich trägt, vermeidet möglicherweise die Suche nach Therapie und professioneller Unterstützung und verlässt sich zur Bewältigung ausschließlich auf spirituelle Praktiken wie Meditation, Exerzitien an besonderen Orten, Satsangs und Chanting. Auch wenn diese Personen sich möglicherweise damit besser fühlen, ist die Linderung in der Regel nur vorübergehend. Denn sie ist nicht aus sich selbst heraus generiert und daher nicht anhaltend. Sich nur auf spirituelle Praktiken einzulassen, anstatt auch der inneren Heilarbeit nachzukommen, ist eine Form von Realitätsflucht, die oft auf der Überzeugung beruht, dass eine intensivere angenehme spirituelle Erfahrung automatisch psychologische Probleme löst.
Es ist ein grosses Missverständnis und ein Weg in die Sackgasse, wenn absolute Wahrheiten mit relativen, weltlichen Wahrheiten gleichgesetzt bzw. verwechselt werden. Das Annehmen des Einsseins und Einheitsbewussteins sollte nicht ausser Acht lassen, dass die Berücksichtigung unseres emotionalen Wohlbefindens sowie unserer Verhaltens- und Beziehungsdynamiken ganz wichtig für unsere Entwicklung sind.
Trauer und traumatische Erlebnisse (und wir alle haben sie!) können sowohl im physischen Körper als auch im Unterbewusstsein gespeichert werden. Körperlich kann sich ein Trauma in Zell- und Muskelverspannungen äußern und das allgemeine Wohlbefinden und die Körperfunktionen beeinträchtigen. Aus psychologischer Sicht verbleiben ungeheilte Probleme im Unterbewusstsein und beeinflussen Emotionen, Verhaltensweisen, Denkmuster, Wahrnehmungen und Entscheidungen. Der Zusammenhang dieser Effekte unterstreicht die weitreichenden Folgen, wenn wir in der Verleugnung verharren und wichtige innere Arbeit verzögern.
Mein Ansatz würdigt die körperlichen, mentalen, emotionalen und spirituellen Aspekte unseres Seins. Das integriert sich mit den heiligen Traditionen, die Dir vielleicht am Herzen liegen, und schafft einen sicheren Raum, in dem Du ganzheitliche Transformation erleben kannst.
Eine Herangehensweise an das Leben, die sowohl die transzendenten als auch die verkörperten Aspekte unserer menschlichen Existenz anerkennt und integriert, ist der Schlüssel zur Vermeidung von Spiritual Bypassing. Bei Interesse an ganzheitlichem Coaching, schaul mal hier.
Original Artikel von mir publiziert unter dem Titel „Risky Non-duality & Spiritual Bypassing“, 30. Dezember 2023