Kennst Du das? Mehr zu kaufen, als Du wirklich brauchst, öfter zu essen, als es nötig ist oder viel zu lange durch Social Media zu scrollen? Dies sind nur ein paar Beispiele von Verhaltensweisen, die in ganz alten Selbstberuhigungsstrategien verwurzelt sein könnten. Lass mich Dir mehr darüber erzählen.
Selbstberuhigung (Self-Soothing) bei Kindern bezieht sich auf die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, wenn sie sich gestresst, ängstlich oder aufgewühlt fühlen.
Es handelt sich um eine wichtige Fähigkeit, die Kindern hilft, mit Stress und Turbulenzen in ihrer Familie umzugehen. Wenn Kinder traumatisierende Situationen wie körperlichen, emotionalen oder psychologischen Missbrauch oder Vernachlässigung erleben. Und Hauptfaktoren sind hier die emotionale Inkompetenz und gefühlsmässige Abwesenheit der Eltern, sowie ihre inkonsistente Fürsorge, Vernachlässigung oder gar Ablehnung.
Wenn ein Kind sich nicht sicher und unterstützt fühlt aufgrund von Mangel an emotionaler Präsenz und Wärme der Eltern, führt dies tendenziell zu einem unbewussten inneren Auschecken (Abspalten), um seine Lage „zu managen“ und vor Schmerzen nicht verrückt zu werden. So schafft sich das Kind eine Distanz zum Fühlen, was in braver Anpassung und Funktionieren, selbstisolierendem Rückzug oder permanenter Rebellion und emotionalen Ausbrüchen seinen Ausdruck finden kann.
Teil der kindlichen Überlebensstrategien ist die Selbstberuhigung (Self-Soothing) und dazu gehören:
- Körperliche Beruhigung: Einige Kinder suchen Trost durch körperliche Berührung (z. B. Kuscheln mit einem Stofftier oder einer Decke, Nähe zu Tieren), um Sicherheit und Geborgenheit zu empfinden.
- Phantasiespiel und Tagträume: Einige Kinder erschaffen imaginäre Freunde oder Welten, um emotionalem Unbehagen zu entkommen oder ein Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen.
- Sammeln von Dingen: Sammeln von Kieseln, Muscheln, Naturobjekten, Spielzeugfiguren, Aufklebern oder Sammelkarten kann helfen, ein Gefühl von Kontrolle, Sicherheit oder Trost zu finden. Sammelgewohnheiten können sich im Erwachsenenalter fortsetzen. Extreme Formen werden Messie-Syndrom oder Hoarding Disorder genannt und können mit Ängsten vor Verlust, Verlassenwerden und Kontrollverlust in Verbindung stehen.
- Selbstgespräche: Kinder beruhigen sich möglicherweise durch Selbstgespräche, um ihre Ängste zu mildern oder sich selbst zu beruhigen, wenn sie ängstlich sind.
- Selbstberührung und sexuelle Stimulation: Sie können durch Berührung ihres eigenen Körpers Beruhigung finden. In manchen Fällen kann dies sexuelle Stimulation beinhalten, die unbewusst und aus dem Bedürfnis nach Trost oder Beruhigung entsteht. Ebenso können Masturbation zum Einschlafen oder Porn-Konsum im Teenageralter zu selbstberuhigenden Verhaltensmustern werden.
- Daumenlutschen: Daumennuckeln in verbreitetes Selbstberuhigungsverhalten bei kleinen Kindern, das Trost und eine Möglichkeit zur Selbstregulation bietet, besonders bei Kindern, die Traumata erlebt oder emotionale Bedürfnisse nicht erfüllt bekommen haben. Daumenlutschen über Jahre (bis zum 8. oder 9. Lebensjahr) wirkt sich leider auf Zahnreihen und die Kieferform aus.
- Ablenkung durch Fernsehen, Filme, Videospiele und soziale Medien: Diese Aktivitäten können eine vorübergehende Erleichterung von Stress, emotionalem Unbehagen oder auch Langeweile schaffen, weil sie sofortige Ablenkung, Entertainment und Entspannung bieten. Bei übermäßigem Konsum führ dies jedoch zu Verlust von Kreativität, emotionaler Abstumpfung, Zeitverschwendung oder auch Sucht.
- Essen bzw. Naschen: Dies eine Form der Selbstberuhigung, welche oft als emotionales Essen bezeichnet wird und kurzfristige Linderung oder Trost bietet. Es kann jedoch zu ungesunden Gewohnheiten, übermäßigem Essen und Gewichtszunahme führen. Oder zu einer Erweiterung auf Konsummittel wie Alkohol, Zigaretten und Drogen.
- Shopping / Einkaufen kann im späteren Alter ebenfalls als Selbstberuhigungsstrategie dienen: als quasi instante Belohnung wird so Stress temporär gelindert oder die Stimmung durch Neuheiten, Status Symbole oder materielle Gewinne gehoben.
Während diese Aktivitäten nicht grundsätzlich negativ sind, ist es wichtig, sie irgendwann mit nachhaltigerer Selbstberuhigung wie Meditation, Gebet, körperlicher Bewegung, Atemübungen, Journaling oder kreativem Ausdruck zu ersetzten.
Kindliche Selbstberuhigungsstrategien können überlebenswichtig sein. Sie können aber im Erwachsenenalter problematisch werden, da sie die zugrunde liegenden emotionalen und psychologische Probleme nicht wirklich lösen, sondern nur kurzfristig beruhigen.
Betroffene bleiben so in alten, ineffektiven Verhaltensmustern gefangen, die nicht nur ihre persönliche Entwicklung hemmen, sondern auch zwischenmenschliche Beziehungen belasten, da emotionale Unreife und impulsive Reaktivität, Vermeidungsstrategien und Abhängigkeiten zwangsläufig zu Konflikten mit dem Partner führen.
Überblick der möglichen Entwicklungsprobleme von Kindern und Folgen im Erwachsenenalter, die durch maladaptive Self-Soothing-Muster entstehen können:
Beeinträchtigung der Gehirnentwicklung: Wiederholte Nutzung ungesunder Selbstberuhigungsmethoden in der Kindheit kann die neuronale Plastizität beeinträchtigen, weil das Gehirn noch in der Entwicklung ist. Dies kann langfristige Auswirkungen auf die Wahrnehmung, emotionale Regulierung und Stressbewältigung haben.
Dysregulation des Belohnungssystems: Die ständige Suche nach sofortiger Befriedigung (z.B. durch Essen / Süsses, Videospiele oder Social Media) kann das Belohnungssystem des Gehirns aus dem Gleichgewicht bringen. Übermäßige Dopaminausschüttung führt zu einer Desensibilisierung. D.h. immer stärkere Reize oder häufiger wiederholte kurzfristige Belohnungen werden benötigt, um das gleiche Maß an Zufriedenheit oder Beruhigung zu erreichen.
Verzerrte sexuelle Vorstellungen: Frühzeitiges oder unpassendes sexuelles Selbstberuhigungsverhalten kann zu Problemen in der Wahrnehmung gesunder Sexualität und Intimität führen. Verzerrte Vorstellungen oder Erwartungen an sich selbst und den Partner im Erwachsenenalter sind die Konsequenzen.
Desensibilisierung für die eigenen wahren Bedürfnisse: Durch die wiederholte Unterdrückung oder Ablenkung von echten emotionalen Bedürfnissen können Betroffene den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen und gesunden Grenzen (!) verlieren, was langfristig zu emotionaler Taubheit, Kompensationsverhalten, einem Gefühl der Entfremdung von sich selbst und ungesunden Beziehungsdynamiken führt.
Lernbeeinträchtigung: Exzessive Ablenkungen durch Medienkonsum oder andere Self-Soothing-Muster können die Konzentrationsfähigkeit und Lernbereitschaft beeinträchtigen, was zu schulischen und später beruflichen Schwierigkeiten führen kann.
Vergebliche Suche nach Erfüllung im Außen: Ablenkungen durch Essen oder Medienkonsum und die Suche nach äußerer Befriedigung kann als Versuch verstanden werden, das Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit, Orientierung und Sinn zu stillen – Dinge, die im Grunde aus einer tiefen Beziehung zum Göttlichen kommen (die Basis dafür kommt idealerweise von den Eltern). Suche, Sucht, Versuch… Worte, die miteinander verwandt sind.
Zur Gewohnheit gewordene, unbewusste Selbstberuhigungsmuster und die Fixierung auf Ablenkungen statt auf innere Heilung können das Gefühl der Leere oder latenten Angst verstärken. Dadurch wird der Zugang zu wahrer Zufriedenheit blockiert.
Unsere Beziehungsprobleme bleiben solange bestehen, bis wir ihre “Einladung” annehmen. Ihren Aufruf, unsere Themenperlen zu konfrontieren und Ursachenforschung zu betreiben, uns zu heilen und somit bewusster, souveräner und liebevoller zu werden.
Der bewährte Lösungsweg ist, durch Selbstfürsorge, spirituelle Praxis und therapeutische Arbeit, die Wurzeln des eigenen Unbehagens zu transformieren und Methoden zur emotionalen Regulierung zu erlernen und so ein inneres Gleichgewicht und wahres Wohlbefinden zu fördern.
Bild: Künstlerin Agnes Toth