Etwas bewegt sich gerade. Nicht nur in einzelnen Beziehungen, sondern in ganzen Generationen. Frauen wachen auf, Männer stolpern hinterher. Das ist eine Beobachtung, keine Bewertung. Frauen spüren eine Kraft, die lange verschüttet war. Und viele Paare stehen plötzlich an einem Punkt, den niemand kommen sah. Oder niemand aussprechen wollte.
Es ist eine Erschütterung, die tiefere Wurzeln und mehr Facetten hat, als wir denken.
Ist mal wieder ein längerer Artikel – mach Dir gern erst noch einen Tee.
Das Erwachen der Frauen
Für viele Frauen beginnt gerade eine grosse Transformation, nahe der Lebensmitte, der Perimenopause oder Menopause. Eine wundervolle und zugleich herausfordernde Phase, die radikale Ehrlichkeit verlangt. Jahrzehntelang haben sie funktioniert: schon in der Kindheit als emotionale Stütze ihrer Eltern, später als Organisatorinnen, Vermittlerinnen, Trösterinnen und Versorgerinnen ihrer Partner und eigenen Familie. Sie trugen die mentale Last, die emotionale Last und oft auch die finanzielle Last.
Nicht wenige wurden Geliebte, Mutter und Bank für einen Mann, dessen Potenzial sie sahen und deren Veränderung sie erhofften. Oder sie waren die hübsche junge Partnerin eines deutlich älteren Mannes. Intelligent, beschenkt und bewundert, aber nie wirklich gesehen in einer Beziehung, die oft weniger mit Liebe als mit Inszenierung zu tun hatte. Eine Rolle, die unweigerlich bröckelt, sobald eine Frau beginnt, sich selbst zu erkennen.
Frauen der 70er/80er/90er-Generation überfunktionierten. Nicht aus Schwäche, sondern aus Prägung. Nicht aus Naivität, sondern als Überlebensstrategie.
Doch mit den hormonellen Veränderungen kommt nicht nur ein körperlicher Wandel, sondern auch ein seelisches Aufwachen. Eine innere Revolution. Ein Erinnern. Und eine Intoleranz gegenüber allem Unwahren. Frauen spüren plötzlich das Ungleichgewicht in ihren Beziehungen, erkennen Muster und Dynamiken, die sie jahrzehntelang wegerklärt haben. Und so fallen Rollen ab, die sie nicht mehr tragen können – und nie hätten tragen sollen. Das geschieht selbst wenn sie es nicht bewusst wollen.
Diese Frauen gehören zu einer einzigartigen Generation
Diese Frauen gehören zu einer kraftvollen Generation, wie es sie nie zuvor gab. Sie haben Dinge überlebt, die sie selbst lange nicht als „Trauma“ bezeichnet hätten: dysfunktionale Elternhäuser und Scheidungen, narzistische Mütter, cholerische Väter, emotionale Vernachlässigung, unfähige Schullehrer, zweifelhafte medizinische Autoritäten, Leistungsdruck, Objektifizierung der Frauen und Sexualisierung fast aller Lebensbereiche, toxische Partner und Verantwortungen, die nicht die eigenen war.
Es sind die 70er-Mädchen, 80er-Diven und 90er-Explorerinnen: Die mit dem Bleistift Kassettentapes retteten und nachts in Schwulen-Clubs zu House tanzten, weil dort endlich Freiheit und Authentizität spürbar waren. Sie gingen zum Tanzen hin, nicht um angebaggert zu werden. Frauen, die mit 18 den Führerschein machten, mit 20 ihr erstes Gehalt verdienten, mit 21 ihre erste eigene Wohnung hatten. Die alleine reisten, das Ausland suchten, Szenen und Subkulturen erkundeten, die Welt im Herzen trugen und immer schon eine Ahnung davon hatten, dass ihr Leben größer sein müsste, als man es ihnen seit der Grundschule beigebracht hatte.
Sie sind mutig, aber lange auch zu gutgläubig gewesen. Sie glaubten an das Gute. An die Liebe. An das Potenzial ihrer Partner. An gesellschaftliche Erzählungen: Haus, Kind, Hund, Yoga, Karriere. Alles gleichzeitig bitte. An „Ich schaffe das.“ und „Nur mal eben.“ An „Ich halte das noch ein bisschen aus.“
Mit der Perimenopause verliert sich nun das Gefälligkeitsprogramm, alles Bravsein und auch der sexuelle Leistungsdruck. Plötzlich wird sichtbar, was nicht mehr stimmt oder noch nie gestimmt hat. Sie erinnern sich an die, die sie einmal waren: mutig, lebendig, klar und selbstbewusst. Ihre hormonelle Veränderung ist nicht ein Ende, sondern der Startschuss für eine seelische Revolution, eine Art Wiedergeburt.
Diese Frauen wollen keine Machtspielchen, keine Rache, kein Taktieren, kein Theater, keine Melodramen. No more BS. Sie wollen Wahrheit, Tiefe, Resonanz, Erwachsenheit, Frieden, Fairness, Achtsamkeit, echte Verbundenheit und echtes freudvolles Sein.
Und sie wissen inzwischen:
All das ist möglich, aber nicht mit einem Partner, der nicht mitziehen kann, oder will.
Und die Männer? Was ist da los?
Sehr viel. Aber es passiert oft im Verborgenen, weil Männer der 70er/80er/90er-Generation meist nie gelernt haben, emotional präsent, verwundbar und kommunikativ zu sein.
Ihre Väter waren oft körperlich und emotional abwesend und selten Vorbilder, die ihren Kindern (Söhnen wie Töchtern) zeigten, wie sich ein emotional reifer Mann verhält. Jungs wurden streng erzogen mit: „Ein Indianerherz kennt keinen Schmerz“, „Reiss dich zusammen.“, „Hilfe annehmen ist Schwäche“ und in dem Glauben, dass Psychotherapie ein Makel und etwas Beschämendes sei. Oder sie wurden vernachlässigt, getarnt als antiautoritäre Erziehung. Oder komplett überverwöhnt, ohne Grenzen, ohne Konsequenzen, ohne Struktur.
Männer lernten, sowohl Probleme als auch Gefühle zu managen. Sie lernten, Beziehung zu konsumieren, nicht mitzugestalten. Ihre Väter lebten es nicht vor und ihre Mütter forderten es von ihren Ehemännern nicht ein.
Während sich Frauen mental, emotional und spirituell weiter entwickelten, blieben Männer in unreifen Verhaltensmustern stecken. Sie liessen sich versorgen und emotional regulieren. Ihre Frauen wurden zur Sekretärin, die alle Geburtstage erinnert und passende Geschenke kauft, zur Therapeutin mit endlosem Verständnis für nichtnuancierte Diskussionen, passiv-aggressives Verhalten und emotionale Ausbrüche, sowie zur Mutter, die einkauft, kocht, wäscht und putzt. Männer wurden älter an Jahren, aber blieben Söhne in erwachsenen Körpern. Sie rennen im Hamsterrad von Leistung, anstatt anzuhalten, die eigenen Werte zu überprüfen und wirklich Verantwortung zu übernehmen.
Das ist jetzt überspitzt formuliert, aber das grosse Bild ist erkennbar, oder?
Der kulturelle Hintergrund – Mythos und Realität
Was heute geschieht – und ich habe es sowohl im Westen als auch hier in Indien beobachtet – ist kein individuelles Scheitern. Es ist eine kollektive Dynamik.
Im Westen prägten Kriegstraumata, unnahbare Väter, Schweigen, Härte und Leistungsdruck mehrere Generationen von Männern. In Indien wirkten patriarchale Strukturen, konservative Rollenfixierung und die Erwartung, dass die Frau zuhause alles „macht“, während der Mann „machen lässt“.
Obwohl Indien heute patriarchal erscheint, hatten Frauen in der vorvedischen und frühen vedischen Zeit einen hohen sozialen Status: Sie waren Lehrerinnen, Philosophinnen und spirituelle Autoritäten. Erst die Institutionalisierung des Priestertums (Brahmanismus), später die muslimischen Invasionen (mit der räumlichen Absonderung von Frauen und Zunahme der Verschleierungspraktiken) und schließlich der britische Kolonialismus (welcher gemeinschaftliche Systeme schwächte und hierarchische Kontrolle verstärkte) führten zu massiven Einschränkungen von Freiheit, Mobilität und Bildung der Frauen. Ein grosser kultureller Widerspruch entstand: Die Göttin verehrt man, die Frau kontrolliert man. Einerseits gibt es hier die mächtigsten Göttinnen der Welt, andererseits Abwertung von Mädchengeburten, Überlastung der Frauen und alltäglichen Sexismus.
In Deutschland verlief die Geschichte ähnlich. In vielen vorchristlichen und frühmittelalterlichen Kulturen Mitteleuropas hatten Frauen einst weit mehr Einfluss: als Heilerinnen, Kräuterkundige, Vermittlerinnen, Hof- und Hausführerinnen. Mit der Christianisierung, den kirchlichen Machtstrukturen, später dem bürgerlichen Familienmodell und der Industiralisierung wurden Frauen jedoch systematisch auf Fürsorge, Moral und Unterordnung reduziert. Zwei Weltkriege, Vaterlosigkeit und ungeheilte Traumata formten Männer, die emotional abgespalten waren und Frauen, die sich permanent anpassen mussten.
Mit den 60er- und 70er-Jahren kam eine kulturelle Aufbruchsstimmung auf, die beeinflusst war von der Hippie-Bewegung, ersten Frauenrechtswellen, dem Zugang zu Bildung, wirtschaftlicher Eigenständigkeit, Selbsthilfebüchern und auch spirituellen Impulsen aus Indien. Vor allem Frauen nutzten diese Räume zur Weiterentwicklung, während die Männer größtenteils in ihren traditionellen Mustern blieben. Bis heute füllen in Deutschland Frauen die ganzheitlichen Weiterbildungsräume, Retreats, Yogaklassen und Therapieseminare. Männer selten.
Warum Frauen sich oft um alles kümmern
Frauen haben meist eine umfassende intuitive Wahrnehmung. Sie lesen Räume, spüren Energie, antizipieren Dynamiken und behalten das große Ganze im Blick. Es steckt quasi in ihren Genen und die Gesellschaft hat es verlangt.
Viele Frauen wurden bereits als Mädchen für alles mögliche verantwortlich gemacht. Sie lernten: Wenn ich funktioniere und mich „kümmere“, werde ich geliebt. Dabei mussten sie sich selbst vergessen, um das Familiensystem am Laufen zu halten. Ein Muster, das sie unbewusst in ihre Beziehungen als Erwachsene mitnahmen: das Überfunktionieren und Überanpassen.
Dies widerspricht völlig dem urweiblichen Prinzip des Empfangen-Könnens. Unser natürliches Empfangen und souveränes Kreieren ging leider durch Rollen-Erwartungen, kulturelle Normen, Überfunktionieren und damit verbundener Selbstentfremdung und Erschöpfung verloren.
Aber jetzt in der Lebensmitte beginnen die Frauen, sich selbst zurückzuerobern.
Die globale Verschiebung
Und so passiert global und genau jetzt unter den 70er und 80er Jahrgängen etwas Großes und Unaufhaltsames: Frauen verbinden sich mit ihrer Wahrheit und ihrem Seelen-Kompass. Muster von Co-Abhängigkeiten und Trauma-Bindungen brechen auf. Alte Konzepte und Konstrukte bröckeln. Und neue Lebenslichter strömen durch die Frauen. Sie wachen auf weil ihre Seele ruft. Sie können und wollen nicht mehr alles (er-)tragen.
Für Männer ist das oft ein Schock. Manche flüchten, manche erstarren. Einige öffnen sich und reifen endlich. Andere verlieren Frauen, die sie jahrzehntelang für selbstverständlich hielten.
Was hier wirklich passiert ist keine Krise. Es ist eine Neuordnung. Und eine Einladung. Für Frauen, endlich sie selbst zu sein. Für Männer, endlich erwachsen zu werden. Für Beziehungen, auf Augenhöhe und Seelenebene zu existieren.
Das Dilemma der Männer
Wenn ein Junge nie gespiegelt, nie gehalten, nie wahrgenommen und emotional bestätigt wurde, entwickelt sich seine gesamte innere Architektur inkomplett. Und so stehen viele Männer heute vor einem echten Dilemma: Selbst wenn sie sich entwickeln möchten, fehlt ihnen oft die Grundlage, weil ihre neuronalen Netzwerke für das Fühlen, für Bindung, Empathie, Gewissen, Selbstregulation und Verantwortlichkeit nie ausreifen konnten.
Das ist kein persönliches Versagen. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger emotionaler Unterernährung in unserer Gesellschaft.
Gibt es Hoffnung? Ja. Aber nicht über Wunschdenken und intellektuelles Verstehen. Entwicklung ist möglich durch ehrliche Introspektion, klare Absicht, durch aufrichtige innere Arbeit, spirituelle Praxis und Spürbewusstsein, die neuroplastische Kraft des Gehirns, durch epigenetische Heilung – und durch Gnade. Und das braucht seine Zeit.
Viele Männer öffnen sich leider erst, wenn sie ihre Frau verlieren. Und oft nicht einmal dann.
Und die bitterste Wahrheit unserer Generation?
Frauen glaubten lange, Männer würden sich ändern.
Männer glaubten lange, Frauen würden sie niemals verlassen.
Beide haben sich geirrt.
Aber nur eine Seite ist aufgewacht.
Was nun?
Was geschieht, wenn Millionen Frauen gleichzeitig aus Überanpassung, Stillstand und Überforderung erwachen und ihre gebundene Lebensenergie zurückholen? Das ist nicht nur ein individuelles Phänomen, sondern ein gesellschaftliches. Ich denke, auch eines, das in den nächsten 10 Jahren massiv sichtbar wird.
Denn über Jahrzehnte floss ein riesiger Teil ihrer Lebenskraft in das Regulieren männlicher Instabilität, in das Zusammenhalten von Familien / Systemen / Traditionen und das Wegdrücken eigener Bedürfnisse, in Pflichterfüllung und Funktionieren, in Schönsein und Stillhalten.
Energie und Aufmerksamkeit waren gebunden und fehlgelenkt. Und jetzt, in der Lebensmitte, befreien immer mehr Frauen genau diese Kräfte. Das ist episch, explosiv und vielversprechend. Wenn Frauen erwachen, verändert sich die Weltordnung. Nicht durch Kampf, sondern durch Bewusstsein und Integrität.
Männer werden mit-eingeladen, erwachsen zu werden. Die Energieverschiebung konfrontiert Männer eh mit sich selbst. Und wer wach wird, wächst mit.
Meine Arbeit richtet sich nicht nur an Frauen. Wenn Du als Mann bereit bist, hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und innerlich aufzuräumen, begleite ich Dich gern – wertfrei, würdevoll und in Deinem Tempo. Wenn Du dich angesprochen fühlst: Willkommen.