Über die Kunst, Energien zu verstehen: Energy Literacy & Unterscheidungsvermögen

Zunehmend mehr Menschen sprechen von Energien. „Da war so viel Energie im Raum“, „das Seminar war echt intensiv“ oder „wow, ich habe da richtig was gespürt“. Das ist wundervoll und zeigt, dass sich unsere Wahrnehmung erweitert. Wir nehmen das Fühlen und unser Spürbewusstsein ernster. Wir werden aufmerksamer. Wir achten auf Untertöne in einem Gespräch oder einer email, auf die Stimmung im Gegenüber, Atmosphäre in einem Raum, Wärme oder Kühle in Begegnungen. Wir nehmen zunehmend auch Energie in Worten, Taten, Gesten und Mimik sowie in Kunst, Musik, Büchern und der Farbwahl von Kleidung wahr. Grossartig! Endlich!

Gleichzeitig erlebe ich als ganzheitlicher Coach und Energiepraktiker etwas, das mich nachdenklich macht. Denn gerade weil diese Sensibilität wächst, entsteht ein neues Bedürfnis: Wir müssen lernen, das Wahrgenommene differenzierter zu verstehen und zu benennen. Viele Menschen spüren inzwischen viel, aber sie können meist nur wenig unterscheiden. Es bedarf der Bewusstseinspraxis.

„Energie“ ist ein grosses Wort. Aber es beschreibt kaum, wie etwas gewirkt hat, warum wir uns so oder so fühlen oder ob eine Erfahrung wirklich nährend, transformierend oder vielleicht einfach nur überwältigend war. Intensität allein ist kein Qualitätsmerkmal!

Es erinnert mich an unsere Beziehung zu Wein oder Schokolade. Viele von uns haben gelernt, Wein mit einer beeindruckenden Nuanciertheit zu schmecken: Wir sprechen selbstverständlich über Tannine, Bouquet, Fruchtigkeit, Holznoten, Herkunft und Jahrgänge. Wir können einen toskanischen Brunello von einem piedmontesen Barolo unterscheiden. Ähnlich können Schokoladenliebhaber, eine Single-Estate Schokolade von einer Supermarkt-Tafel unterscheiden. Aber viele Menschen konsumieren wahllos. Hauptsache süß, Hauptsache intensiv. Genuss, ja. Bewusstsein, eher weniger.

Im spirituellen Bereich sehe ich Ähnliches: Viele konsumieren Seminare, Satsangs, Channelings, Zeremonien und New-Age-Inhalte. Etwas wirkt, etwas kribbelt, etwas öffnet, aber nur wenige können klar benennen, was da eigentlich geschieht. Oder ob es ihnen wirklich dient. Ich sehe es auch bei manchen Therapeuten und Heilpraktikern: Ihnen fehlt oft die Fähigkeit, ihre Klienten energetisch und prozessbezogen richtig einzuschätzen. Also zu unterscheiden zwischen echter Heilung und bloßem intellektuellen Verstehen, zwischen einer tiefen Öffnung und einem energetischen Zuckerrausch (z.B. Bindungshoch weil „endlich gehört / verstanden / sicher“. Das ist wertvolle Nähe, aber keine tiefe Heilung).

Spirituelle, Erwachende und Visionäre sollten ähnlich wie Weinkenner wissen: Intensität bedeutet nicht automatisch Qualität. Ein starkes Gefühl ist nicht zwingend ein starker Gewinn.

Wenn wir wirklich wachsen wollen – feinstofflich, seelisch, menschlich – brauchen wir Unterscheidungsvermögen. Ein umfassendes Maß an Differenzierung, mehr als nur gut oder schlecht, stark oder schwach. Wir brauchen Training in Wahrnehmung und Ausrucksvermögen. Und auch Mut, genauer hinzuspüren, statt einfach nur “viel Energie” zu feiern.

Wir sprechen heute oft über Emotional Literacy, die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und verantwortungsvoll damit umzugehen. Ein wichtiger Schritt persönlicher und gesellschaftlicher Reifung. Doch das, was ich in meiner Arbeit täglich erlebe, zeigt mir: Wir brauchen auch Energy Literacy.

Also eine Art feinstoffliche Alphabetisierung. Die Fähigkeit, energetische Eindrücke nicht nur zu spüren, sondern auch zu verstehen, zu differenzieren,zu benennen und in einen sinnvollen Kontext zu setzen. Das Bewusstsein und die Signatur hinter Energien zu lesen.

Denn genauso wie wir lernen mussten, den Unterschied zwischen Gefühlen von Wut und Frustration, zwischen Traurigkeit und Erschöpfung oder zwischen Aufregung und Angst zu erkennen, müssen wir auch lernen, Energie nicht nur als ein großes, unbestimmtes „etwas“ zu erleben. Wenn Menschen von „Energie“, „Intensität“, „hoher Schwingung“ sprechen, sagt dies fast nichts über die Herkunft, Qualität, Wirkung (kurz- und langfristig), Integrität des Umfeldes oder emotionale, psychologische, soziale und spirituelle Folgen. Und damit entsteht eine Art Blindspot: Nur weil etwas stark ist, heißt es nicht, dass es gut ist. Stell Dir vor jemand sagt „Das Essen war intensiv“. Heisst das, es war nahrhaft, giftig, sättigend, zu schwer, versalzt, zu süss oder zu stark gewürzt?

In der spirituellen Szene wird Intensität oft mit Wahrheit verwechselt. „Ich spüre viel, also es muss gut sein.“ Das ist ein riskanter Shortcut.

„Energie“ oder “Intensive Energie” sind nur grobe Sammelbegriffe. Je spiritueller und feinstofflich offener wir werden, desto unverzichtbarer wird Genauigkeit. Sicher, intensive Energie kann lebensförderlich sein, aber auch
– verführend und euphorisierend
– manipulativ und bindend
– vereinahmend und überwältigend
– inkohärent und verwirrend

Viele Menschen fühlen sich während eines Seminars oder einer Sitzung high, aber danach oft schnell leer, verwirrt oder energetisch fragil. Dahinter stecken oft Wohlfühlseminare, die zwar Euphorie fördern, aber sehr kurzlebig in ihrer Wirkung sind, was verschiedene Gründe haben kann. Also das „Danach“ ist im Grunde viel aussagekräftiger als das „Währenddessen“.

Differenzierte Wahrnehmung bedeutet das Feinstoffliche genau benennen zu können. Dazu gehören:

1. Qualität
Was spüre ich? Wie fühlt sich die Energie an?
Sanft? Hart? Rauh? Glatt? Drückend? Öffnend? Klebrig? Fremd? Eigen? Heiss? Warm? Kalt? Chaotisch? Nebelig? Fokussiert?

2. Ursprung
Woher kommt es und wem gehört es? Kommt der Impuls aus
meinem eigenen Inneren?
meiner Projektion oder Erwartung?
der Gruppe?
der Leitung?
dem Feld meines Partners?
einer Suggestion oder Manipulation?
einer Besetzung?

3. Wirkung
Wie wirkt es auf mein Nervensystem, auf meine Gedanken, auf meine Gefühle, auf meine Freiheit?
klärend?
beruhigend?
überstimulierend?
einengend?
erweiternd?
beängstigend?
freudvoll?

Vielleicht ist Energy Literacy das neue Emotional Literacy. Sowohl bei Emotionen als auch bei Energien geht es um unser Spürbewusstsein, um das Fühlen. Diese Fähigkeit wird leider nicht von Kindheit an gefördert. Nicht in der Schule und meist auch nicht im Elternhaus. Die gute Nachricht ist, dass wir die Energie-Sprache, das Fühlen und Unterscheidungsvermögen lernen und trainieren können. Und zwar durch
– Achtsame Selbstwahrnehmung: Was spüre ich jetzt?
– Somatische Differenzierung: Wie reagiert mein Körper?
– Sprachliche Nuancierung: Wie kann ich was ich spüre treffend beschreiben?
– Perspektive: Was war während des Erlebens im Moment? Was veränderte sich langfristig? Brachte die Erfahrung mehr Freiheit oder mehr Bindung? UND: Wurde meine eigene direkte göttliche Anbindung gefördert oder wurden Mittelsmänner und irgendwelche Methoden beworben?

Unser Gewahrsein und unser „Basislager des Bewusstseins“ verfeinern sich enorm durch innere Heilarbeit. Wenn wir emotionale Wunden, Traumaprägungen, familiäre Muster, falsche Loyalitäten oder gesellschaftliche Erwartungen loslassen, lösen sich auch jene Wahrnehmungsfilter und begrenzenden Glaubensmuster auf, die bislang unser Bild von uns selbst, von anderen und vom Leben verzerrt haben. Wir werden energetisch klarer in unserem Ausdruck und zugleich fähiger und feiner in unserer Wahrnehmung.

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ATELIER ANANDA
〜 Ganzheitliche Transformation & Bewusstseinspraxis 〜