Damals in Hamburg. Lang, lang ist es her. Wie lang genau, keine Ahnung, denn die Abi-Zeitung meines Jahrgangs hat es versäumt, ein Datum auf das Cover zu drucken. Ich erinnerte mich heute beim Kochen an meinen Artikel, den ich damals last minute zum Redaktionsschluss beigesteuert hatte. Das Redaktionsteam hatte mich gefragt, ob ich nicht noch die halbe leere Magazinseite füllen könnte. Und so schrieb ich spontan eine Review meines Kunst-Leistungskurses. Und ja, der Lehrer schnitt nicht gut ab. Aber wir ja auch nicht.
Mein Artikel von damals war betitelt: „Verkrampft, spießig und gehemmt“. Und damit waren wir Schüler gemeint, die sich Kunst als Leistungskurs und damit als Abiturprüfungsfach gewählt hatten. Es war das Zitat unseres Kunstlehrers und ein Kommentar, den wir in dieser Zeit immer wieder zu hören bekamen.
Während ich heute darüber nachdenke, muss ich zugeben: Ja, wir waren verkrampft, spießig und gehemmt. Aber wir waren noch so viel mehr.
Wir waren neugierig, offen, interessiert. Zu Beginn des Kurses sogar noch motiviert, leidenschaftlich und gut gelaunt. Wir wollten lernen und experimentieren, wollten in die Kunst eintauchen, selbst Künstler sein und etwas von Bedeutung schaffen.
Unsere Bereitschaft war da. Aber leider fehlte es an guter Führung.
Herr Hertel, Sie meinten es gut. Sie wollten uns anschieben, uns wachrütteln. Und Sie hatten ja nicht ganz unrecht: Wir waren verkrampft, spießig und gehemmt. Aber wir waren eben auch so viel mehr.
Wie hätten wir aufblühen können unter einer weisen, großzügig wohlwollenden und ganzheitlichen Anleitung! Ohne Holzhammermethode und abwertende Kritik. „Ihr seid sowieso alle ungeeignet für einen Kunst-LK!“ gehörte dazu. Dass wir Kunst-LK wählten, weil wir im Kunstunterricht der vorherigen Jahre bereits ein gewisses Talent bewiesen hatten, schien obsolet.
Mein damaliger Abizeitungsartikel war jugendlich kritisch, direkt und in vielem unreflektiert. Halt eine Art Befreiungsschlag.
Es gab aber auch inspirierende Momente in dem Kunst-LK. Ich denke da besonders gern an unsere öffentliche Ausstellung inklusive Vernissage nach einem Semester „Skulptur“. Jeder Schüler hatte verschiedene Skulpturen geformt. Aus unterschiedlichsten Materialien: Speckstein, Ton, Wachs, Papier. Wir lernten, wie wichtig auch der Sockel und das Licht – quasi die Bühne – für die Präsentation einer Skulptur sind. Das weiß ich heute noch und beachte es beim Dekorieren des Hauses oder wenn ich Kunstausstellungen besuche.
Unser Kunstlehrer hatte uns, oder zumindest mir, zudem die Erkenntnis mitgegeben, dass Kunst nicht nur im fertigen Werk, sondern im Prozess besteht. Das war eine wesentliche Erfahrung und die ist hängengeblieben. So ist es ja im Grunde auch mit dem Leben. Es geht nicht nur um das Ziel, sondern auch um den Weg.
Heute hatte ich den Impuls, mich bei Herrn Hertel zu entschuldigen. Zu schreiben, dass ich meinen kritischen Artikel in der Abizeitung bedauere. Aber während ich dies hier tippe, gestaltet sich eine ganz andere Art von Botschaft.
Ja, ich gebe zu: Wir waren verkrampft, spießig und gehemmt. Aber warum denn? Was hat uns geprägt?
Mindestens die Hälfte von uns war ungeheilt traumatisiert: durch dysfunktionale Elternhäuser, durch Scheidungen, durch alleinerziehende berufstätige Mütter, durch Wohnortwechsel oder andere Belastungen. Wir waren jung und unsicher. Lebensumstände liessen uns einfrieren und eng werden, bevor wir überhaupt wussten, was Freiheit und Selbstausdruck in der Kunst bedeuten könnte.
Und wir waren Deutsche. Groß geworden in einem konservativen, spießigen, gehemmten, zudem ungeheilten und unspirituellen Deutschland. Das färbt ab.
Wie hätten wir mit einem Lehrer, der unsere Stärken sieht und fördert, aufblühen können! Einem Lehrer, der mehr Ermutigung, mehr Vertrauen, mehr Raum, mehr Zuspruch gibt.
Aber ich weiß auch, dass Lehrer begrenzt sind. Jeder gibt das, was er geben kann, geformt von seiner persönlichen Geschichte und eingebettet in ein System, das ja selbst oft verkrampft, spießig und gehemmt ist.
Und ja, wie könnten auch die Bürger eines Landes aufblühen, wenn die Regierung die Stärken des eigenen Volkes sehen und fördern würde! Soweit zum grösseren Bild und Zusammenhang.
So lasse ich es mal stehen.
Milde, dankbar, versöhnlich gestimmt.
Titelbild: Tonfiguren, Kunst am Phoenix Gymnasium Dortmund