Wenn Du Dich jedes Jahr im Dezember verspannst, ohne genau zu wissen warum, bist Du nicht allein.
Viele sehen den Weihnachstagen mit einer gewissen Anspannung entgegen. Mit Stress. Und vielleicht passt Ambivalenz am besten als Beschreibung, denn es ist meist keine schwarz-weiss Haltung, kein eindeutiges Dafür oder Dagegen, sondern eher eine Mischung aus Freude, Melancholie, Druck, latenter Irritation, Schwere und Müdigkeit, die sich in dieser Jahreszeit um das grosse Fest herum einstellt. Sie fühlen sich so jeden Dezember. Viele passen sich den Gegebenheiten an und zunehmend mehr flüchten – in Wellnesshotels im Harz oder nach Hawaii. Bloss weg von Krippe, Kirche und Keksen.
Alle Jahre wieder kommt das Christkind, aber eben auch dieses Gefühlsmuster. Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Ich gehe hier nicht auf die potenziell schönen Traditionen und heilsamen Effekte von Weihnachten ein, sondern fokussiere mich ganz speziell auf die Ambivalenz und den Punkt, dass die Feiertage für viele Menschen als belastend und wenig erhebend erlebt werden.
Warum Weihnachten so viele stresst
Abgesehen von gesellschaftlichen Normen und staatlichen Strukturen was das konkrete, praktische Leben angeht – von Authoritäten bestimmte Feiertage, Schliessung von Ämtern / Büros / Geschäften, Erledigungen und Korrespondenzen im Beruf, Firmenfeiern, Kirchenbesuche, Kochen und Festmahlzubereitungen, Geschenke finden und verpacken, Anreisen und Unterbringung von Familienmitgliedern, Dekoration des Hause usw. – nehmen auch viele emotionale und sentimentale Aspekte Einfluss auf uns.
Weihnachten triggert uns wie kaum eine andere Begebenheit. Unsere Prägungen aus Kindheit und Kultur werden hier besonders deutlich.
Woher das wirklich kommt
Ambivalenz bedeutet Zwiespältigkeit, Spannungszustand und ein Gefühl von Zerrissenheit. Vielleicht ist da das Bedürfniss nach Nähe und Feiern mit der Familie, und gleichzeitig Angst von Nähe und Geselligkeit. Vielleicht ist da das Bedürfniss, in Ruhe alleine sein zu wollen und zugleich die Angst vor dem Alleinsein oder Schuldgefühle.
Für viele heisst „mit Familie feiern“, dass genau die Menschen zu Besuch kommen (oder wir sie besuchen), die uns in unserer Kindheit keine Sicherheit gegeben haben, uns emotional missbraucht oder sonstwie vernachlässigt haben. Kein Wunder, dass alte Unruhe und Unsicherheiten auftauchen.
Oder wenn unsere Eltern, ein Elternteil oder andere wichtige Bezugspersonen durch Abwesenheit glänzten, dann ist das Weihnachten unserer Kindheit negativ geprägt – Herzschmerz gepaart mit Überlebensangst. Denn als Kinder waren wir vollständig abhängig von ihnen – körperlich, emotional, mental und sozial.
Wenn wir in unseren prägenden Jahren solche Erfahrungen gemacht haben, ob uns das heute als Erwachsene bewusst ist oder nicht, dann sitzen diese Erinnerungen im Unterbewusstsein und Körpergedächtnis.
Und nicht selten zeigen sich diese alten Dynamiken später in einem neuen Setting. Manchmal liegt die größte Spannung an Weihnachten nicht mehr in der Ursprungsfamilie, sondern in der aktuellen Partnerschaft.
Der Lebenspartner kann alte Muster reaktivieren: Anpassung, Rückzug, Loyalitätskonflikte, das Gefühl, sich selbst zu verlieren, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Besonders dann, wenn der Partner viel Raum einnimmt, emotional wenig zugänglich ist, subtil Kontrolle ausübt und Verantwortung auslagert.
Alte Gefühle im neuen Kostüm
Was sich heute wie „Weihnachtsstress“ anfühlt, ist selten neu.
Oft ist es ein sehr altes Gefühl – nur in einem anderen Kostüm.
Beispiel 1 – Anpassung:
Vielleicht warst Du als Kind derjenige, der brav war. Der gespürt hat, was gebraucht wird. Der Rücksicht genommen, geschluckt, vermittelt, harmonisiert hat. Heute sitzt Du an Heiligabend wieder am Tisch, lachst an den richtigen Stellen, bringst Geschenke, kochst selbst oder hilfst in der Küche – aber bist innerlich leer, gereizt oder erschöpft. Nicht, weil Du undankbar bist. Sondern weil Dein Nervensystem alte Arbeit macht: Sicherheit durch Anpassung.
Beispiel 2 – Rückzug:
Oder Du hast früh gelernt, dass Nähe unberechenbar ist. Dass Stimmung kippen kann. Dass Konflikte eskalieren. Dass Weihnachten Kampf und Krampf bedeutet. Die Wärme von der so viel gesprochen wird, war oft gar nicht spürbar. Als Kind bist Du innerlich gegangen. Und auch heute ziehst Du Dich nach innen zurück. Du funktionierst. Organisierst. Kümmerst Dich um die Kinder. Hältst den Laden am Laufen. Gespräche werden kürzer, Gefühle flacher, Nähe minimal. Nicht aus Arroganz oder Kälte. Sondern aus Schutz. Abstand als Überlebensstrategie. Rückzug zeigt sich nicht immer als Abwesenheit, sondern oft als stilles Aushalten.
Beispiel 3 – Heiligkeit:
Vielleicht war Weihnachten in Deiner Kindheit emotional, religiös oder moralisch stark aufgeladen. „Heute streiten wir nicht.“ „Heute muss es schön sein.“ Diese Erwartungen kommen nicht nur aus der Familie, sondern sind kulturell und religiös tief verankert. Die Idee eines „heiligen Abends“ mit engelsgleicher Besinnlichkeit und Versöhnung wirkt wie ein Maßstab und erzeugt Druck, vor allem wenn das innere Erleben – persönlich, familiär, gesellschaftlich – nicht dazu passt.
Genau deshalb fühlt sich Weihnachten oft so vertraut stressig an.
Stress als Hinweis, nicht als Fehler
Stress heisst wir sind im Widerstand. Und dieser Widerstand ist eine Einladung, genauer zu schauen. Mit den folgenden Fragen , können wir unseren Widerständen auf die Spur kommen:
Was fühlt sich hier eng an?
Was tue ich gerade gegen meine eigene Natur?
Was brauche ich wirklich – Nähe oder Abstand?
Bin ich irritiert und ärgerlich? Oft ein Zeichen, dass Grenzen überschritten wurden. Grenzen bzw Bedürfnisse, die wir selbst beiseite schieben oder die andere ignorieren.
Bin ich traurig? Trauer ist oft ein Zeichen, dass es Kummer und ungeheite emotionale Wunden gibt.
Zwei typische Überlebensstrategien
Wenn wir uns zu Weihnachten immer wieder angespannt fühlen, lohnt sich die Frage, was wir dann tun, um Sicherheit zu finden und uns zu beruhigen. Dabei zeigen sich typischerweise zwei Verhaltenstendenzen – unbewusste Abläufe, zwischen denen wir auch pendeln können:
1. Abschottung: Sich abgrenzen, zurückziehen und isolieren. Dann macht Verbinden Stress.
2. Anpassung: Alles mitmachen, brav sein und funktionieren. Dann macht Abgrenzen Stress.
Beides sind keine Charakterschwächen. Es sind intelligente Überlebensstrategien, die einmal Sinn gemacht haben.
Was wir jetzt anders machen können
Im Umgang mit Weihnachten und der verordneten Feierei, hilft die folgende Haltung:
- Deine alten Verhaltensmuster erkennen (und anerkennen).
- Handlungsspielräume erweitern: etwas Neues erlauben und achtsam aus alten Rollendynamiken aussteigen.
- Neue Erfahrungen einladen: durch das Kombinieren von Vertrautem und etwas Neuem.
- Wieder Verbundenheit mit Dir selbst spüren: wissen, was Dir gut tut.
- Kommunizieren als Teil der Transformation: ehrlich zu uns selbst und aufrichtig gegenüber anderen sein.
Diese Schritte erlauben uns, behutsam aus unserem Muster und Autopilot-Programm auszusteigen.
Um den alten Überlebensmodus und uns zu entspannen, ist es empfehlenswert, neue Verhaltenselemente einzubauen, aber bitte „nervensystem-freundlich“!
Wer sich meist abschottet, darf bewusst Geselligsein und Verbindung integrieren.
Wer sich meist anpasst, darf bewusst Abgrenzung und Alleinzeit integrieren.
Abgrenzen heisst ganz konkret:
- später ankommen und früher gehen
- nicht übernachten
- einen Spaziergang allein machen
- Schuldgefühle wahrnehmen, aber nicht darauf reagieren (lass sie ziehen wie Wolken)
- nicht alles kommentieren müssen
- Dir erlauben, nicht alles „mitzutragen“ (geh in den Garten oder auf die Toilette, pausier)
- wissen, dass Du Dich nicht beweisen oder rechtfertigen musst
- beobachten und Dich nicht provozieren lassen (Kommentare / bissige Bemerkungen dürfen an Dir abprallen)
Und Verbinden heisst nicht automatisch sich verlieren:
- präsent sein, ohne Dich verplanen zu lassen (Du musst nicht alles mitmachen)
- ehrliche, kleine Wahrheiten teilen („Ich bin heute etwas leiser, aber ich bin gern hier.“)
- einfache Rituale statt grosses Programm (Spaziergang, Teetrinken, Kerzen anzünden)
- Kontakt und Gemeinsamkeit in der Partnerschaft zulassen, ohne Dich zu verlieren (nebeneinander statt ineinander verschmolzen)
- Freunde anstatt Familie treffen
- ein spirituelles Seminar oder Gruppenevent buchen
- im TIerheim helfen (Mitgefühl und Grosszügigkeit leben, wo sie auf dankbaren Boden fallen, ohne familiäre Trigger)
- bewusst bei Dir selbst ankommen (Gebet, Meditation, Natur, kreativer Selbstausdruck)
Was ist, wenn wir bei uns bleiben
Sei Dir bewusst: Wenn Du Dich anders verhältst – bewusst abgrenzt oder bewusst verbindest – kann das andere irritieren oder provozieren. Weil Du aus der gewohnten Rolle fällst, Erwartungen nicht mehr bedienst und nicht mehr unter „Kontrolle“ bist.
Dann hilft es, bei Dir zu bleiben.
Zu atmen.
Zu pausieren.
Zu beobachten.
Und Dich daran zu erinnern, dass Du heute – jetzt – erwachsen bist und Wahlmöglichkeiten hast. Bleib klar und zugleich aufrichtig freundlich, in Deinem Herzen verankert. Das geht!
Erinnere Dich daran, dass Du mehr bist als die eine Rolle, als dieses Weihnachtsfest, als diese Familien- oder Beziehungsdynamik. Das relativiert.
Heiligkeit lässt sich nicht verordnen. Und Verbundenheit nicht erzwingen.
Und vielleicht geht es dieses Weihnachten nicht darum, es allen recht zu machen. Sondern darum, ehrlich zu sein, mit Dir selbst. Und Dir zu erlauben, dass Deine Art zu feiern (oder nicht zu feiern) gültig ist.