Mehr Wintersonne, weniger Silvester – Über Gelassenheit & inneres Wissen zum Jahreswechsel

Mit 19 oder 20 habe ich zum ersten Mal entschieden, Silvester nicht zu feiern und mich bewusst aus den üblichen Partys rauszuhalten. Nachdem ich all die Jahre immer brav mitgefeiert hatte, mit Familie oder Freunden, war absehbar: es ist jedes Jahr ein Mehr desselben.

Es mangelte nicht an Einladungen, privat oder in einem Club zu feiern. Aber ich wollte einfach nicht. Ich wollte nicht bis Mitternacht warten und Sekunden zählen, wollte nicht angebaggert werden und nicht spät in der Nacht oder am frühen Morgen im Party-Outfit durch nass-eisige, schwefelig-riechende Strassen laufen und im Taxi sitzen oder von einer Person abhängig sein, die versprochen hatte, nichts zu trinken.

Damals sagte ich Freunden, ich feiere mit meiner Familie, und meiner Familie sagte ich, dass ich bei Freunden sei. So konnte ich potenzielle Diskussionen und Erklärungen umgehen. Ich wollte mich nicht rechtfertigen müssen.

Und ja, mein erstes Silvester alleine, war wundervoll. Ich habe es gut in Erinnerung. Mir fehlte nichts.

Heute sehe ich wieviele Menschen – nicht nur meine Generation, sondern auch die Jüngeren – sich bewusst von dem Neujahrsgetümmel zurückziehen und eben nicht feiern. Manche buchen ein Meditationsretreat über den Jahreswechsel, andere verbringen den Abend ganz ruhig zuhause ohne großes Brimborium.

Auch Weihnachten ist für viele „relativ“ geworden. Immer mehr Menschen spüren, dass es in dieser Zeit um etwas anderes geht als um Frömmigkeit, Pflichtbesuche oder Konsum. Und sie wissen, oder ahnen zumindest, dass Jesus historisch gesehen nicht am 24. Dezember geboren wurde.

Bei Weihnachten ging es ursprünglich um die Wintersonnenwende, welche die längste Nacht und den kürzesten Tag des Jahres markiert – und damit einen Wendepunkt: die Geburt der Sonne und länger werdende Tage. Schon immer war das eine heilige Zeit, weil das Licht zurückkehrt. Neu geboren wird. Ursprünglich ging es also um die sun (Sonne), nicht um den son (Sohn). Und dass Weihnachten heute am 24. oder 25. Dezember gefeiert wird, hat weniger mit einem historischen Geburtstag zu tun als mit einer strategischen Entscheidung der frühen Kirche. Bestehende Feste wurden überlagert. Kerzen, Feuer, Immergrün, Lichtrituale usw., all das stammt nicht aus dem Christentum, sondern aus viel älteren Natur- und Sonnenfesten.

Auch der Ursprung der „12 Rauhnächte“ liegt in vorchristlichen, vor allem germanischen und alpinen Naturkulturen. Es ist eine Übergangszeit zwischen der Wintersonnenwende und dem Beginn des neuen Jahres.

Was all diese Beobachtungen verbindet, ist für mich eine zentrale Frage:
Dürfen wir unserem inneren Wissen vertrauen?

Oder anders gesagt: Müssen wir wirklich alles mitmachen, nur weil es gesellschaftlich genormt, kulturell etabliert oder sozial erwartet wird? Vieles von dem, was wir als „normal“ empfinden, ist zwar konditioniert aber nicht zwangsläufig wahr oder stimmig für uns.

Dieser Post ist daher eine Ermutigung, Deiner inneren Stimme zu folgen und Dich nicht den Normen anderer – Partner, Freundeskreis, Familie oder Gesellschaft – zu unterwerfen. Es geht nicht gegen das Feiern. Im Gegenteil, es ist kann wunderschön und stärkend sein, Rituale zu pflegen, in Gesellschaft zu sein und der grösseren göttlichen Ordnung gegenüber Respekt auszudrücken. Aber wir dürfen selbst entscheiden, wie, wann, wo und mit wem wir das tun.

Manchmal hilft es, den Blick zu weiten und zu schauen, wie andere Kulturen mit Übergängen umgehen. Oder wie es die Natur macht. Hier in Indien zum Beispiel gibt es traditionell kein Silvester am 31. Dezember. Das neue Jahr beginnt nach dem indischen Kalender im Frühjahr, nach dem Winter, wenn neues Leben sichtbar wird. Was ja auch Sinn macht.

Und vielleicht erinnerst Du Dich an meinen Artikel zum „Kalender-Dilemma“, in dem ich über die Anzahl der Monate im Jahr schrieb und darüber, dass das Silvester der Neuzeit nicht auf einer saisonalen oder kosmischen Konstellation basiert, keinem Sonnen- oder Mondereignis, sondern auf politischen Entscheidungen. Hier der Link.

Egal ob Weihnachtn oder westliches Neujahr, wenn wir tiefer schauen, geht es weniger um institutionell festgelegte Daten, sondern um Bewusstsein und gelebte Qualitäten.

Das Wort Christos zum Beispiel ist kein Name, sondern ein Titel und bedeutet „der Gesalbte“. In alten Kulturen war Salbung ein Zeichen für Übergang, Ausrichtung und Verantwortung – für Könige, Priester, Propheten oder Heiler. Christos beschreibt also einen Zustand des Seins, eine Qualität von Bewusstsein, nicht eine Religion. Jesus selbst lebte als Mystiker und Lehrer. Das, was wir heute Christentum nennen, entstand erst nach seinem Tod als gesellschaftlich-religiöser Rahmen, geprägt von politischen Einflüssen. Das wahre Christus-Bewusstsein weist jedoch auf den zeitlosen Geist, Wahrheit, Einheit und Güte hin. Und die Liebe.

In Essenz geht es mir um diesen Impuls:
Nicht blind den äußeren Strukturen zu folgen, sondern das zu verkörpern, worauf diese ursprünglich hingewiesen haben: unser Menschsein im Einklang mit der Natur und dem Kosmos. Zu prüfen, was sich für uns richtig anfühlt, jenseits von Kalendern, Ritualkommandos und kollektiven Erwartungen.

Was machst Du heute, am letzten Tag dieses Kalenderjahres?


Titelbild: Streunerhunde in der Wintersonne im Himalaya (eigenes Archiv)

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