Ärgerlich oder wütend zu sein, ist ja irgendwie nicht so angesagt. Gesellschaftlich ist es tendenziell verpönt und tabuisiert. Und in der spirituellen Szene hat man eher alles mit Licht und Liebe zu beleuchten. Wer Ärger ausdrückt kommt aus einem schlechten Elternhaus oder ist Anfänger in Sachen Spiritualität und muss noch lernen, dass wir alle eins sind und eh alles Maya, eine Illusion, ist. Wäre die Welt so einfach! Was dabei oft verloren geht, ist etwas ziemlich Wesentliches: Unterscheidungsvermögen. Interessanterweise ist Wut in öffentlichen Kontexten völlig normalisiert und akzeptiert: Sport, Politik, Social Media.
Was ich über die Jahre gelernt habe ist, dass im Unterdrücken von Ärger das eigentliche Problem liegt und selten die wahre Ursache von Wut erkannt oder gesucht wird. Da ist das brodelnde Gefühl, aber schnell wir der innere Deckel draufgesetzt.
Aber alles was wir unterdrücken, findet irgendwann und irgendwie sein Ventil, und zwar implosiv oder explosiv. Die gestaute Energie – bleiben wir beim Ärger – richtet sich entweder gegen uns selbst oder gegen etwas im Aussen. Folgen: Depressionen, Dis-ease und Durcheinander oder Rage, Resentiments und Racheaktionen.
Wer weiss schon, das uns Ärger und Wut in erster Linie eins signalisieren wollen, nämlich dass unsere Grenze überschritten wurde. Ja, lies das nochmal. Wenn ich ärgerlich reagiere, ist das oft ein Hinweis darauf, dass jemand übergriffig war.
Und diese Übergriffigkeit oder Grenzüberschreitung kann viele Formen haben. Körperlich, wenn Dir jemand zu nah kommt, Dich physisch angreift oder sexuell überrollt, wenn Ärzte grob oder unaufmerksam sind, wenn unberechtigterweise Deine Freiheit eingeschränkt wird, sei es durch Vertragsklauseln oder Autoritäten. Emotional, wenn Dich jemand anlügt, hintergeht, verrät, manipuliert oder Deine Gefühle bagatellisiert, Schuldzuweisungen versucht und Sachverhalte verlagert (Gaslighting). Mental und sozial, wenn jemand Deinen Raum nicht respektiert und Deine Güter schädigt, Dein Nein oder ein Bedürfnis ignoriert, Deine Perspektive abwertet oder Dich erniedrigt. Einmischen in persönliche Angelegenheiten oder Einschüchterungen gehören auch dazu, ebenso wie Schweigen und Nachtragen. Es geht auch subtiler, bspw. kann es uns ärgerlich machen, wenn jemand Angelegenheiten verkompliziert oder Wahrheiten verdreht.
Interessanterweise reagiert oft unser Körper schneller als unser Verstand, wenn etwas nicht integer oder für uns nicht passend ist. Unsere Zellen ziehen sich fast unmerklich zusammen. Es ist wie ein körperlich spürbares Zusammenzucken. Gut, wenn jemand ein fein ausgeprägtes Körperbewusstsein hat, dann kann die körperliche Reaktion als Barometer und Entscheidungshilfe genutzt werden. Und wer nicht mitbekommt wie sein Körper reagiert, hat seine Emotionen als nächsten Signalgeber und ist dann vielleicht überrascht, wenn ganz unerwartet Ärger aufpoppt.
Jeder hat eine andere Toleranzschwelle bevor er wütend wird. Wichtig ist, sich selbst gut genug zu kennen und sich seiner Gefühlslandschaft bewusst genug zu sein, um Zusammenhänge und Muster zu erkennen. Wann werd ich ärgerlich? Was ist mein Muster im Zusammenhang mit Wut? Was triggert in mir vielleicht sogar Rage? Was sind erste Anzeichen meines Ärgers?
Diese „negativen“ Gefühle bis zu ihrer Wurzel und ihrem wahren Ursprung zurückzuverfolgen ist der Schlüssel zur Befreiung und Transformation. Hier hilft die Arbeit mit dem Unterbewusstsein, Körpergewahrsein und Höheren Selbst.
Was sich in dem inneren Prozess zeigt, ist meist vielschichtig. Mag uns vielleicht jetzt gerade jemand auf der Nase herumtanzen und uns verärgern, liegt der Schlüssel zum Verstehen der aktuellen Situation aber möglicherweise in der Kindheit und weist auf ein ganz altes Erfahrungsmuster mit den Eltern oder Geschwistern hin.
Aber wir müssen oft gar nicht so weit in die Vergangenheit reisen. Wenn wir als Erwachsene wiederholt bevormundet werden (durch die eigenen Eltern, die Schwiegermutter oder den Staat) oder wir über einen langen Zeitraum Ungewissheit erleben (Wirtschaftskrise, Krieg oder scheinbar ursachenlose Krankheit), kann uns das wütend machen.
Wenn unser Nervenkostüm blank liegt und wir als „gute Erwachsene“ unseren Ärger unterdrücken, geht das auf lange Sicht nicht gut. Weder für uns als Individuen noch für uns als Gesellschaft.
Was ich vor wenigen Tagen deutlich spürte, ist eine grosse Wut in den Menschen weltweit. Vor allem bei jenen im Westen, gerade in Deutschland. Ärger in Bezug auf die wirtschaftspolitische Situation sowie den Verfall von Kultur und Tradition. Und so möchte ich mit diesem Artikel vor allem den Deutschen diesen Impuls geben: Wut darf sein. Spür mal in Dich hinein. Worum geht es wirklich? Und steckt unter dem Ärger vielleicht auch Trauer?
Erlaub Dir ärglich zu sein. Ärger auszudrücken ist wichtig, um gesund zu bleiben und Lebensenergie im Fluss zu halten. Wut auszudrücken ist auch etwas anderes als Wut zu sein oder von ihr besetzt zu sein. Wir können Ärger als eine Ausdrucksform betrachten und dabei muss nicht automatisch aggressiv mit der Faust auf den Tisch gehauen werden. Es geht auch nuanciert, kontrolliert und sachlich kommuniziert. Ein Hund knurrt ja normalerweise auch erstmal und beisst nicht sofort zu. Vielleicht ist es auch einfach am wichtigsten, dass Du das, was Dich innerlich bewegt, für Dich selbst mal ehrlich formulierst. Ob und wie Du es dann an andere heranträgst ist der nächste Schritt.
Aber erinnere auch, dass unsere Mitmenschen unterschiedlich wahrnehmen und nicht immer sofort begreifen was Phase ist. Manche verstehen auf Anhieb durch unseren kurzen Blick, andere brauchen eine Erklärung und wiederum andere brauchen unsere konkrete, griffige Grenzziehung oder Forderung.
Trotz meines Plädoyers dafür, Ärger nicht zu unterdrücken, sondern als Signal ernst zu nehmen, möchte ich betonen, dass Wut nicht nur durch Grenzverletzung ensteht, sondern oft auch durch
– Missverständnisse
– eigene Erwartungen und Anspruchshaltungen
– eigene Annahmen oder Vermutungen
– alte Prägungen und Wunden (Projektionen oder unverarbeiteter Kummer)
– Überforderung oder Stress
So oder so, wichtig ist, dass Du Dir die Wahrnehmung Deines Ärgers erlaubst und eigenverantwortlich und aufrichtig schaust, was er Dir sagen will.