Beziehungsdynamik: Wenn Einer Aufhört, Für Zwei Zu Funktionieren

Verdammt! Da bin ich doch fast gerade wieder einer alten Beziehungsdynamik auf den Leim gegangen.

Ist Dir schon mal aufgefallen, dass es einen Unterschied zwischen Kontakt herstellen, Beziehung herstellen und Resonanz herstellen gibt?

Kontakt, Beziehung und Resonanz sind dreierlei.

Man kann Kontakt aufnehmen, ohne sich wirklich auf den anderen zu beziehen. Und man kann eine Beziehung herstellen, selbst wenn es keine wahre Resonanz gibt – solange man sich auf die Ebene des anderen einlässt. Anders formuliert: Beziehung kann durchaus entstehen, obwohl die Resonanz nicht wechselseitig ist. Sie wird dann nur von einer Seite wesentlich stärker erzeugt und aufrechterhalten.

Wenn einer sehr genau wahrnimmt, was in einer Beziehung geschieht, sich auf den anderen einstellt, nachfragt, übersetzt, Missverständnisse auffängt und immer wieder Fäden aufnimmt – während der andere innerhalb dieses geschaffenen Raumes einfach „mitmacht“ –, kann daraus sogar eine lange und äußerlich durchaus funktionierende Beziehung werden.

Wer mehr wahrnimmt, kann eben auch leichter die Distanz überbrücken. Aber „Ich kann dich erreichen“ ist leider etwas anderes als „Du kommst mir entgegen“. Und ich glaube, wir können diese beiden Erfahrungen sehr leicht miteinander verwechseln. Denn wir erleben schließlich eine Form von Nähe. Gespräche funktionieren. Gemeinsames Leben funktioniert irgendwie. Der andere fühlt sich verstanden. Es gibt schöne Momente. Also scheint doch Beziehung vorhanden zu sein.

Aber möglicherweise entsteht ein erheblicher Teil dieser Qualität dadurch, dass einer ständig übersetzt: Einer geht ein Stück auf die Wahrnehmungswelt des anderen zu, macht sich verständlich, nimmt dessen Perspektive ein, erklärt, fragt nach, schafft Anknüpfungspunkte und interpretiert wohlwollend.

Interessant ist dann nicht die Frage Gibt es Beziehung?, sondern: Was bleibt von der Beziehung übrig, wenn ich aufhöre, sie für beide herzustellen? Haben wir überhaupt echte Resonanz?

Und ich habe das gerade bei einem neuen Kontakt erlebt, der mir vermittelt wurde. Ich bekam eine E-Mail. Und ich hätte die Distanz, die sich darin zeigte, ohne Weiteres überbrücken können. Eine charmante Antwort, ein bisschen Humor, noch einmal einen Themenfaden hinlegen, eine Möglichkeit schaffen, darauf einzusteigen. Sehr wahrscheinlich hätte sich damit ein Austausch herstellen lassen.

Aber dann kam dieser Moment: Warum mache eigentlich ich das schon wieder?

Meine natürliche spontane Bewegung ist mir plötzlich aufgefallen: Ich bemerke fehlende Resonanz und beginne unmittelbar darüber nachzudenken, wie ich eine Brücke bauen könnte.

Verdammt, das Muster ist so alt und so vertraut!

Egal ob privat oder beruflich, mit Partnern, Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten oder Berufskontakten – man kennt die Empfindlichkeiten, die Tabus, die bevorzugten Erzählungen und die Stellen, an denen man besser nicht weiterfragt. Man weiß womöglich ganz genau, welche Version seiner selbst in diesem System funktioniert. Dadurch lässt sich Harmonie ziemlich kompetent herstellen. Aber diese Kompetenz kann gleichzeitig verdecken, wie wenig Gegenseitigkeit tatsächlich vorhanden ist.

Hohe soziale Wahrnehmungsfähigkeit kann also zu einem Dilemma werden. Sie macht Beziehungen nicht automatisch gegenseitiger. Sie kann uns sogar besonders gut darin machen, nicht-gegenseitige Beziehungen erstaunlich lange funktionieren zu lassen.

Und die entscheidende Frage ist dabei gar nicht: Kann ich mit diesem Menschen eine Verbindung herstellen? Denn das geht ja offenbar. Sondern: Was passiert, wenn ich nicht vorgehe und alles vorleiste? Kommt mir überhaupt jemand entgegen?

Und jetzt wird es wieder unbequem:

Beziehungsfähigkeit kann sogar dazu beitragen, dass eine dysfunktionale oder zumindest stark asymmetrische Beziehung erstaunlich gut funktioniert.

Wer differenzierter wahrnimmt, kann sich einfühlen, kann übersetzen. Man versteht, was der andere vermutlich meint, obwohl er es nicht ausdrückt. Man berücksichtigt dessen Grenzen. Fragt nach. Interpretiert großzügig. Repariert Missverständnisse. Und so sieht es von außen aus wie eine gute Beziehung. Vielleicht sieht es sogar von innen so aus.

Aber. Was passiert mit dieser Beziehung, wenn der Beziehungsfähigere aufhört, die Differenz zu kompensieren? Nicht indem er sich zurückzieht oder Spielchen spielt. Sondern indem er einfach nicht mehr den fehlenden Anteil des anderen übernimmt.

Wenn derjenige, der bisher mehr Beziehungsarbeit geleistet hat, aufhört, zu kompensieren, kann sich das zunächst wie eine verlorene Beziehung anfühlen. Weniger Gespräche. Weniger Nähe. Mehr Leerlauf. Vielleicht auch mehr Missverständnisse. Und wahrscheinlich Irritation beim Gegenüber: „Was ist denn plötzlich mit dir los? Du hast dich so verändert.“ Was übersetzt heißen könnte: „Unser Beziehungsmuster funktioniert nicht mehr.“

Da war vielleicht Beziehung, aber vielleicht nicht wirklich Resonanz. Das ist ja auch das klassische Muster, wenn eine Partnerschaft vor allem nur auf sexueller Anziehung basiert. Irgendwann steht das Aufwachen an, denn Chemie alleine reicht der Seele nicht.

Und plötzlich wird etwas sichtbar, das vorher durch all die Beziehungsarbeit verdeckt war. Wie viel „Beziehunsgbeitrag“ kommt eigentlich wirklich vom anderen, wenn ich ihn nicht mehr für uns beide herstelle? Bzw. wie wenig kommt vom anderen? Es entsteht ein Vakuum. Und in diesem Vakuum zeigt sich, ob der andere einen Schritt hineinmacht – überhaupt hineinmachen kann – oder ob einfach nichts passiert.

Hier kommt die Resonanz wieder ins Spiel. Beziehung kann ich erstaunlich lange herstellen und sogar für zwei am Laufen halten. Resonanz nicht. Ich kann mich noch so fein auf den anderen einstellen, Brücken bauen, verstehen und übersetzen. Wenn aber von dort nichts Eigenes zurückkommt, entsteht keine Resonanz.

Und dann die nochmals unbequemere Frage: Was habe ich die ganze Zeit getan, damit ich nicht bemerken musste, was der andere mir nicht geben kann? (Und wie viel davon war vielleicht auch mein Selbstschutz, meine Überlebensstrategie und die Folge alter Verletzungen?)

Also möglicherweise hat derjenige, der mehr Beziehungsarbeit leistet, über Jahre den Schein einer Gegenseitigkeit getragen, die es in dieser Form gar nicht gab. Nicht bewusst und absichtlich. Sondern aus einer alten Konditionierung heraus. Er hat einfach immer wieder verstanden, übersetzt, verziehen, angeknüpft und den Kontakt wieder hergestellt.

Dadurch konnte der andere durchaus aufrichtig erleben, dass es eine gute Beziehung gibt.

Natürlich.

Für ihn hat sie ja funktioniert.


(Titelfoto: WooTh_stock)