Bevor es Prompts gab, gab es Wählscheiben

Was früher der nächtliche Anruf bei Domian (Late Night Call-In-Sendung beim WDR) war – Menschen, die um 1 Uhr morgens einem Fremden am Telefon ihr Leben erzählten – ist heute der Chat mit einer KI. Nur dass jetzt am anderen Ende niemand mehr mitschwingt.

Ein Mensch, der zuhört, wird dabei selbst berührt. Sein Nervensystem reagiert mit auf Deins. Das nennt man Ko-Regulation. Der andere trägt danach etwas von dem, was Du gesagt hast, weiter mit sich. Es kostet ihn etwas, Dir zuzuhören und genau das macht es bedeutsam. Die KI verarbeitet Input und erzeugt Output, aber nichts in ihr wird dabei berührt, verändert, mitgenommen. Sie hat kein Nervensystem, das mitschwingen könnte.

Einiges scheint mit KI zu gehen. Einiges aber eben auch gar nicht.

Sie kann Dir eine Formulierung liefern, die Dir seit Langem fehlt. Sie kann Dir sagen, dass Dein Muster wahrscheinlich aus der Kindheit stammt. Sie kann sogar erstaunlich einfühlsam klingen. Geduldiger jedenfalls als die meisten Menschen, die ich kenne.

Was sie nicht kann: Dich wirklich verändern. Ich beobachte, was danach passiert. Oder eher: was nicht passiert. Die Erkenntnis bleibt oft genau da, wo sie entstanden ist. Am Bildschirm, im Kopf. Verstanden oder manchmal auch notiert. Und trotzdem ist das alte Muster in der nächsten Triggersituation wieder da.

Das ist keine Kritik an der Technologie. Ich habe das lange vor ChatGPT schon bei einer analogen, menschenbasierten Methode beobachtet, wie zum Beispiel der klassischen Gesprächstherapie.

Reden ist nicht dasselbe wie verkörpetes Transformieren. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass gute Gespräche – so klug, einfühlsam und gut gemeint sie sein mögen – oft nicht zu wirklich nachhaltiger Veränderung führen. Nicht, weil die Therapeuten nicht gut sind. Sondern weil diese Art der Arbeit meist nur auf einer analytisch-intellektuellen Ebene stattfindet. Der Klient versteht sein Muster immer besser. Er kann es mittlerweile druckreif erklären, vielleicht sogar unterhaltsam, bei einem Glas Wein am Abend. Aber Verstehen und Verkörperung sind zweierlei. (Sicher gibt es Ausnahmen, also Therapeuten, die tiefer arbeiten, aber die Tendenz ist eindeutig.)

Genau da überschneiden sich meine Beobachtungen zur generativen KI mit meinen älteren Beobachtungen zur Gesprächstherapie. Beide können brillant im Kopf sein und beide erreichen oft nicht die Ebenen, auf denen sich Muster wirklich lösen könnten: Das Spürbewusstsein. Das Unterbewusstsein. Das Körperbewusstsein. Diese lassen sich nicht zu Veränderung überreden.

Was geht mit KI also gar nicht? Künstliche Intelligenz kann nicht mit Dir schweigen. Sie kann nicht spüren, wenn Deine Stimme bricht, obwohl Deine Worte gefasst klingen. Sie trägt keine Verantwortung für das, was zwischen Euch entsteht – weil zwischen Euch, ehrlich gesagt, nichts entsteht. Kein Blick, der Dich hält, während Du etwas Wahres zulässt, das Du Dir selbst voher noch nie eingestanden hast. Kein achtsames Pausieren, wenn Deine Atmung sich verändert. Das Mitmenschliche ist nicht simulierbar. Nur ein echtes Gegenüber erzeugt Resonanz. Und Resonanz, nicht Information, setzt innere Veränderung in Gang.

Meine Empfehlung ist daher: Nutze die Technologie wenn überhaupt für das, wofür sie taugt. Vielleicht eine erste Ordnung der Gedanken, eine Formulierung, die Dir fehlt, nachts wenn sonst niemand wach ist und Dir ein Dialogpartner sein könnte. Das ist ehrlich gemeint und kein Widerspruch zu meiner Arbeit.

Lebensmuster aber lassen sich nicht wegprompten. Wenn ein Muster seit Jahren wiederkehrt, wenn Du es längst erklären kannst und trotzdem feststeckst, dann ist das kein Informationsproblem mehr. Kein noch raffinierterer Prompt wird es lösen, kein noch einfühlsameres Gespräch. Dann geht es um etwas, das nur in echter Begegnung geschieht, mit jemandem, der gelebte Erfahrung hat, der selber die ein oder andere unsichtbare Glasdecke durchdrungen hat, der bleibt, während es unbequem wird und der Dich nicht optimiert, sondern begleitet, bis Dein Nervensystem reguliert ist und Dein eigenes Gewahrsein wieder klar wahrnimmt.

Das ist der Punkt, an dem sowohl die KI als auch das reine Gespräch enden. Weil manche Türen sich nur öffnen, wenn ein Mensch – ganz und mit allen Ebenen seines multidimensionalen Seins – mit Dir davorsteht.


Titelbild: Wählscheibentelefon, etsy.de