Trauern & Abschiednehmen

Mein Vater ist vor wenigen Tagen gestorben. Gerne möchte ich meine Erfahrungen im Umgang mit dem Abschiednehmen von Ihm beschreiben. Möge es dem Leser unter ähnlichen Umständen helfen.

Die Kräfte, die in der Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen und der plötzlich neuen Lebenssituation wirken können, sind unbeschreiblich. Es sind vom Verstand kaum greifbare Dimensionen. Die Konfrontation mit der Endlichkeit des körperlichen Lebens “macht was” mit einem. Es ist ein multidimensionales Geschehen. So nehme ich es wahr.

Und nachdem nun die ersten Tage vergangen sind, seit mein Vater seinen Körper verlassen hat, erkenne ich einen Schlüssel, um mit All dem umzugehen: wie in so vielen bzw. allen Lebenssituationen, liegt auch im Todesfall eines Nahestehenden der Schlüssel in der GEGENWART oder Präsenz.

Nach dem Tod einer nahestehenden Person,  bringen uns die Gedanken schnell und leicht zu Erinnerungen. Bilder und Gefühle aus alten Zeiten, der Vergangenheit. Aber Melancholie und Anhaftungen dieser Art und damit verbundene Trauer dienen uns, den Hinterbliebenen, nicht, geben keine Kraft. Am meisten Kraft läßt die Gegenwart in unser System fließen. Auch Sorgen oder Vermutungen über die Zukunft, eine weitere typische Angewohnheit unseres Verstandes, sind nicht sinnvoll. Die besten Ideen und Intuitionen erreichen uns, wenn wir bewußt in der Gegenwart sind.

Das Präsentsein verlangt vom Trauernden allerdings eine Disziplinierung der Gedanken. Ich erlebe selbst gerade wie dies funktioniert. Es ist ein Balance-Akt. Menschliche Trauer zulassen und fühlen, aber nicht masslos, ewig leidend und immer wieder. Denn die Wellen des Leidens schwächen das Herz und Gesamtsystem.

Ich habe bewußt einen ganzen Tag meinem Vater gewidmet. Habe meine ganz eigene Zeremonie gehalten. Ich bin zum Gottesdienst in die Kirche gegangen (hätte ihm sehr gefallen), habe meditiert, gebetet, heilige Musik und Mantren gespielt, Kerzen brennen lassen und mich einfach mit der neuen Situation auf mein Sofa gelegt, alle Gedanken erlaubt und beobachtet, was passiert. Verschiedene Phasen von Erinnerungen, Gefühlen und Emotionen habe ich durchlebt. Ich ging durch das ganze Spektrum  – Traurigkeit, Freude, Wut, Mitgefühl, Vergebung – habe beobachtet, gespürt und geatmet. Letztlich durchflutete mich die “größte Welle”, die der Dankbarkeit und Liebe. Und so berührend und schmerzlich auch dieses Gefühl der Dankbarkeit war, so kraftgebend und beruhigend war es auch. Mit dem Wissen: alles war und ist genau richtig. Ich bin in Frieden mit dem was war und dem was jetzt ist. Und ich bin froh über unsere letzte Begegnung und unser letztes Telefonat – sie waren getragen von Nähe und liebevoller Verbundenheit.

Es ist klar für mich, dass mein Vater starb, weil gewissermaßen sein Job in diesem Leben getan war. Es war nichts mehr zu machen. Und durch mein eigenes Nahtoderlebnis als Teenager, durch Meditation und eigene Past Life Regression, weiß ich, dass der Körper “aufhört”, aber die Seele weiterzieht. Die Endlichkeit ist relativ…

Mein Vater – April 1973 und vor einem Jahr im August 2012, (* 1936, † 09.August 2013)

Mein Vater – April 1973 und vor einem Jahr im August 2012, (* 1936, † 09.August 2013)

Nun merke ich wie seither, die Gedanken weiterhin dazu tendieren, in die Vergangenheit und zu den Erinnerungen zu gehen. Und hier gilt es wirklich, nicht an allem was an Bildern und Gefühlen hochkommt festzuhalten. Bewußt wahrnehmen, atmen und ziehen lassen. Bewußt die Gedanken steuern und nicht immer wieder in die alten Erinnerungen und die Trauer über das was nicht mehr ist (und vielleicht niemals war) einsteigen. Stattdessen immer wieder das Licht des Bewußtseins und der Gegenwart auf die Wogen der Traurigkeit lenken und sie ziehenlassen. Auch ist es wichtig, den Schmerz, die Probleme des Verstorbenen und seine verpaßten Gelegenheiten, nicht mitzutragen und zu unserem Leid zu machen.

Der Prozess des sich Lösens vom Toten hat auch etwas zu tun mit dem Loslassen von Energieschnüren, welche uns Menschen miteinander verbinden. Der Trauernde kann bewußt um das Ablösen der Bindungen auf allen Ebenen (physisch, energetisch, emotional) bitten. Ein Gebet könnte beispielsweise sein: “Möge das höchstgöttliche Licht all meine Verstrickungen und Anhaftungen an den Toten auflösen und heilen. Möge wir in reiner Liebe und Freiheit sein.”

Ich fühle, wie dieser Prozess dem Verstorbenen erlaubt wirklich zu gehen, und vor allem auch mich erleichtert. Es hilft, dies über den Tag hinweg zu wiederholen. Der Vorgang macht mein Herz einerseits empfindlicher für Wahrnehmungen, gleichzeitig aber auch stärker.

Nie hätte ich mir das so vorstellen können. Ich glaube, es kann nur erlebt werden. Ich bemerke damit einhergehend auch eine Ernüchterung, die mir gut tut. Ich denke es ist ganz wesentlich, diese Nüchternheit nicht als schlecht, distanziert, gefühlskalt oder als einen Zustand für den man sich schuldig fühlen müsste, zu bewerten. Ich empfinde die Nüchternheit als “angemessene Mitte” in meiner Situation, die mir Halt und Kraft gibt, und mich wach, präsent und mitfühlend sein läßt – aber ohne (Mit-)Leiden. Sicher, es gibt noch Momente der Trauer, aber sie gleiten nicht ohnmächtig in abgrundtiefen Schmerz. Wie gesagt, es ist ein Balance-Akt auf dem Seil der Präsenz, wirklich nicht leicht. Aber machbar. Eine Leistung des Gewahrseins, des Denkens und des Herzens.

Gerne möchte ich noch einen pragmatischen Hinweis geben:
Ihr, die Ihr noch lebt, regelt mit Euren Nachkommen, alles was zu Lebzeiten regelbar ist. Entscheidet, wie Ihr bestattet werden möchtet, schreibt ein Testament und legt einen Ordner mit allen wichtigen Papieren an. Schenkt mit warmen Händen zu Lebzeiten. Und klärt Eure ungeklärten Angelegenheiten und Beziehungen jetzt. Macht Euch frei, um jederzeit in Frieden gehen zu können.

Gebet für Verstorbene
Herr, gib ihm /ihr die Erfüllung seiner/ihrer Sehnsucht und vollende sein/ihr Leben in dir.
Lass ihn/sie dein Antlitz schauen. 

Vereint mit den Engeln loben und preisen sie deine Herrlichkeit. Wir bitten dich: schenk unseren Verstorbenen dieses neue Leben. Nimm sie auf in die Gemeinschaft der Heiligen und gib ihnen das Glück, dich zu schauen und zu loben.
Herr, unser Gott, du bist allen nahe, die zu dir rufen. Auch wir rufen zu dir aus Not und Leid. Lass uns nicht versinken in Mutlosigkeit und Verzweiflung, sondern tröste uns durch deine Gegenwart. Gib uns die Kraft deiner Liebe, die stärker ist als der Tod. Mit unseren Verstorbenen führe auch uns zu neuem und ewigem Leben.
Herr, gib ihm/ihr die ewige Ruhe.
Möge das ewige Licht ihm/ihr leuchten.
Lass ihn/sie ruhen in Frieden.
Danke. Amen.

(Extrakte aus Gotteslob, Gebte- und Gesangbuch, Bistum Münster 1975)

Gottesdienst

 

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