Über 5 Sinne hinaus: reines Bewusstsein

Was ich mir diese Tage in Erinnerung gerufen habe, sind ganz unterschiedliche Erlebnisse von scheinbaren Pardoxen. Sie haben auf wundervolle Weise meinen Horizont erweitert und so gleich den Widerspruch aufgelöst. 

: Dubai 2008 – Lärm hat keine Geräusche :

Es war Donnerstagabend, ich kam von meiner wöchentlichen Meditationsgruppe im alten Teil der Stadt (Bur Dubai) und stoppte auf dem Weg nach Hause (Dubai Marina) an einem Supermarkt in einer der Shoppings Malls. Viele Berufstätige waren auf dem Heimweg und hatten offensichtlich die gleiche Idee wie ich. So schoben sich Trauben von Menschen durch die Gänge des Ladens. Ein riesiger Supermarkt, und neben Büroleuten waren auch Paare und Familien mit Kindern da. Es war ein buntes Gewirr von Leuten untermalt von Hintergrundmusik und verschiedensten Lautsprecherdurchsagen. Zweifelsfrei gab es hier einen signifikanten Lärmpegel. Und der Rummel waberte auch um mich als ich an der Kasse stand, mit noch mindestens zehn anderen Parteien vor mir. Ich war in mich gekehrt und wollte nur nach Hause. Da plötzlich machte etwas Klick in mir und ich war innerlich in einer anderen Dimension. Wohl noch sehend was um mich herum geschah, und irgendwie auch hörend, aber dennoch war innerhalb einer Millisekunde der gesamte Lärm ohne Geräusch! Ich stand mit dem Einkaufswagen in der Schlange vor der Kasse und schaute und lauschte, schaute und lauschte, aber konnte nichts hören. In mir war absolute Stille. So stellt man sich vielleicht das Auge eines Wirbelsturms vor. Wie ein Vakuum. Ohne Schreck, ohne Freude, ohne Bewertung. Reines, ruhendes Sein. Mich hätte in diesem Zustand wirklich nichts aus der Ruhe bringen können. Ich war im Leben und doch ausserhalb von allem. Es war ein köstlich friedliches und lärmfreies Erleben, das mich noch durch den Zahlvorgang, den Verkehr und nach Hause trug. Ich war einfach nur. Nicht mehr, nicht weniger. 

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Dubai 

: Puttaparthi 2009 – Kälte hat keine Temperatur :

Sathya Sai Baba lebte noch. Er schien sehr fragil und ich wollte ihm unbedingt noch begegnen bevor er seinen Körper verlassen würde. So landete ich im Oktober 2009 in dem kleinen Örtchen Puttaparthi nördlich von Bangalore. Mein Plan war ursprünglich, ausserhalb des Ashrams zu wohnen, „komfortabel“ im Apartment eines entfernten Bekannten, was sich aber als unpassend für mich entpuppte. So zog ich in ein dem Ashram gegenüberliegendes Hotel. Wunderbar, dachte ich. Kurz nach meinen ersten Besuchen im Ashram begegnete mir immer wieder eine bestimmte Inderin, Ärztin aus Canada, mit der ich mich auf Anhieb gut verstand. Eines Abends nach dem Dinner im Ashram fragte sie mich, warum ich nicht das Hotel verlasse und in den Ashram ziehe. Sie erklärte, dass ich dann die Gelegenheit hätte, in einen geschützten, tieferen Prozess einzusteigen, da ich nicht ständig zwischen Aussen- und Ashramwelt hin – und herwechseln müsste. Mit gefiel die Atmosphäre im Ashram sehr und entschied dann ja, warum eigentlich nicht. Am nächsten Morgen checkte ich im Hotel aus. Und nach meiner Registrierung im Ashram Gästehaus wurde mir „mein“ Zimmer zugewiesen: 8-Bett Zimmer mit Gemeinschaftsbad und fliessend Kaltwasser. Schluck. Ein Zimmer mit so vielen zu teilen ist eine Sache, auf die ich nicht erpicht war, aber kaltes Wasser zwei Wochen lang, muss echt nicht sein! Meine Stimmung war gedämpft. Wie sich schnell zeigte bedeutete kaltes Wasser tatsächlich EISkaltes Wasser. Und zwar von früh morgens bis abends, zum Duschen, Haarewaschen und Zähneputzen. Nun gut. Ich nahm mir vor, das Beste daraus zu machen. Und dann geschah etwas ganz Unerwartetes. An einem der folgenden Morgende unter der Dusche, schaltete sich plötzlich und aus heiterem Himmel etwas in mir um. Meine Wahrnehmung war mit einem Mal total intensiv, gegenwärtig und gedankenfrei. Und ich nahm das eigentlich kalte Duschwasser nur als Wasser wahr, als etwas Nasses. Ich erinnere mich noch gut, wie ich unter dem Duschstrahl stand und es kaum fassen konnte, dass einerseits mein Temperaturempfinden ausgeschaltet war und ich andererseits wach und bewusst war. Meine Beobachtung war: kaltes Wasser ist einfach nur Wasser. Reines Wasser. Es gab für mich nur die Textur, also das Flüssige und Nasse, nicht mehr die Temperatur. Vom Verstand war das nicht begreifbar, aber als Bewusstseinserleben total real. Ich war wie in einem Nullpunktfeld zwischen oder über den Empfindungen warm und kalt. Dieser Seinszustand hielt mich den Rest des Tages über im Bann. Bei der nächsten Dusche war das Wasser dann allerdings wieder kalt.

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Prasanthi Nilayam Ashram, Puttaparthi

: Tiruvannamalai 2010 – Gestank hat keinen Geruch :

Nach einer Tour im Himalayagebiet Nordindiens zog es mich auf unerklärliche Weise südlich nach Tiruvannamalai im Bundesstaat Tamil Nadu. Ich folgte meiner Intuition und unter den wundervollen Erlebnissen dort, sticht eine Begebenheit hervor. Nach der Pradakshina (Circumbulation) um Mount Arunachala, diversen Touren mit der einzigen Bicycle Riksha im Ort zu Tempeln (bspw. Adi Annamalai, dem ältesten Tempel dort und Arunachala Tempel) und Ashrams (Sri Seshadri Swamigal und Ramana Maharshi Samadhi), wollte ich unbedingt noch den Berg Arunachala hochklettern und im Virupaksha Cave meditieren. Das ist die Höhle, in der u.a. Ramana Maharshi viele Jahre verbracht hat. Abgesehen von dem fast atemberaubenden Trek und den atemberaubenden Aussichten von den Plateaus des Mount Arunachal, gab es ein weiteres atemberaubendes Erlebnis: als ich mich in die Virupaksha Höhle setzte, nahm ich einen üblen, fast ekelhaften, Geruch wahr. Und der schränkte meinen natürlichen, tiefen Atemfluss erheblich ein. Mir war nicht klar was den Gestank verursachte, aber eins schien sicher: er war tief im Boden und im Gemäuer verankert. Ich war enttäuscht und dachte „War mein Weg hierher umsonst? Komm ich etwa nicht zum Meditieren, weil der Geruch mich ablenkt und fast ersticken lässt? Was mach ich jetzt?“ Dazu meine Tagebucheintragung:
„Ich sass hinten, in einer Ecke der kleinen Höhle, entfernt vom Eingang. Während ich begann, mich auf die Atmosphäre einzulassen, trat ich innerlich in einen Raum, der mir erlaubte, sowohl Feuer und Erdiges (Erdung) als auch ganz frischen Luftraum (Äther) zu spüren. Ich kann es nicht besser beschreiben, ich fühlte die Hitze und das Zentrum der Existenz als etwas sehr Dichtes und Fokussiertes, aber gleichzeitig spürte ich Reinheit, Freiheit und Frische wie von hohen Berggipfeln und darüber hinaus. Eine ziemliche Dehnung! Es fühlte sich dennoch leicht, heiter, gelassen und auch reif (erwachsen?) an. Und inmitten all der Gerüche der Höhle nahm ich plötzlich eine Art von nicht-riechender Reinheit wahr. Eine pure Essenz, die wie ein Kern (Molekül?) im Inneren aller Gerüche präsent war. Wie reinste Luft oder Prana. Ein frisches Energie-Extrakt, das der Gerüche zu trotzen schien. Ich staunte innerlich, war aufmerksam, ergriffen, ohne mich zu rühren.“
Beseelt und dankbar verliess ich diesen besonderen Ort.

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Virupaksha Cave, Mount Arunachala

: Mumbai 2010 – Physischer Körper hat keine Materie :

Es geschah während einer Veranstaltung mit einem indischen Meister. Ich gehörte mit ein paar anderen zu seinem Team von Initiierten, die für jeden Gast, der zur Meditation kam, eine Energietransmission ermöglichten. Wir erhielten Shaktipat von ihm und gaben Shaktipat an jeden Teilnehmer. Und diese Segnungen waren für mich jedesmal unbeschreiblich bereichernd. Als Empfänger und als Geber. Auch an diesem Abend in Mumbai: Nach Erhalt des Segens, löste „ mein Ich“ sich auf. So kitschig es klingen mag, göttliche Essenz schmolz in meine Zellen hinein. Spontan flossen Tränen und mein Herz schlug heftig. Ich wurde aber sofort von feinsten Kräften umhüllt und beruhigt. Ich fühlte mein Sein so weit ausgedehnt, als wäre ich für das gesamte Universum geöffnet worden. Ich hätte das ganze Universum umarmen können, so viel Gelassenheit und Liebe durchströmten mich. In diesem Zustand begann ich den Meditierenden Shaktipat zu geben. Dabei erlebte ich absolute Zeitlosigkeit und unendliche Stille. Und doch auch kraftvolle Energiewellen und kristallklares Bewusstsein, während ich mich von einer Person zur anderen bewegte. Meine erweiterte Wahrnehmung liess mich dabei auch erkennen, welche Gäste eine empfänglichere Verfassung hatten und welche nicht. Es war ein herrlicher Zustand, wenn auch rational nicht verstehbar oder in ein bekanntes Schema sortierbar. Und ich war noch auf diesem Energiehoch, quasi im Licht schwimmend, als ich nach Meditation und Satsang zum Dinner-Buffet ging. Ich erhielt einen Teller mit Köstlichkeiten und gerade als ich einen Happen in den Mund nehmen wollte, schoss ein Blitz auf mich ein. „Was mache ich? Warum füttere ich diesen Körper? Diese Masse an Energie. Was ist der Sinn des Essens, warum geb ich Essen in diesen Körper? Es gibt keine Form. Da ist niemand! Es gibt keinen Körper. Es gibt keine Richtung. Es gibt nur unbegrenzten Raum!“ Ich hatte den Eindruck, dass das Essen leicht auf den Boden hätte fallen können, wenn ich es in meinen Mund stecken würde. Was mir durch den Kopf schoss: „Trotzdem ist ja etwas hier. Aber es scheint nur eine Art Wolke, vielleicht ein Konglomerat dichterer Energie, von dem das Ich denkt, darin sei es lokalisiert. Warum essen? Warum sprechen? Und dennoch, etwas in dieser Wolke atmet, schaut, lacht, redet. Was ist das, was existiert?“ fragte ich nach innen und bekam gleichzeitig die Antwort: „Reine Präsenz und Stille. Präsenz, die lacht, schaut, liebt.“

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Zeitlose Stille und unbegrenztes Bewusstsein

In reinem Bewusstsein sind keine Beurteilungen, keine Erwartungen, keine Ängste und keine Unmöglichkeiten. Da ist kein Geräusch, keine Temperatur, kein Geruch, keine Materie. Es geht über die 5-Sinnewahrnehmung, menschliche Logik und physische Mechanik hinaus. 

Reines Bewusstsein ist aber nicht da draussen, irgendwo hoch oben zu finden, sondern in uns hier unten. Eher noch, wir sind in ihm.

Reines Bewusstsein ist unbegrenzt, erhebend, wohlwollend und allgegenwärtig. Ganz ohne Aufregung. Durch seine Verkörperung in uns können höhere Intelligenz, Einsichten und inspirierende Impulse der kosmischen Schöpferkraft durch uns strömen.


 

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